LESEPROBE –  HERZNEUROSE! NOTAUFNAHMEN! EXZESSE!

  • Herzneurose! Panikattacken! Notaufnahmen!

  • Die Angst sich zu verlieren

  • 1. Auflage: 2011

  • Autor: Boerne

  • Verlag: Indigo Buchverlag

  • Seitenzahl:  305, geb., Abb.

  • Preis: € 19,90  (D, AT) CHF 25,-

  • ISBN-13: 978-3-00-026580-8

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Kapitel VI
»Tabula rasa!«

(Auszugsweise Leseprobe)

…Ich ließ mich in der Nähe des Rajavithi Hospital in Bangkok absetzen und fuhr von dort aus mit einem Taxi zum Rotlichtviertel Nana Plaza. Es befindet sich an der Seitenstraße Soi 4 (Soi Nana Tai) der Sukhumvit Road gegenüber dem Nana Hotel. Dort checkte ich auch ein.
Das Hotel war eher durchschnittlich, dafür kein extra fine (Lady fee) für Damenbesuch fällig. Nach körperlicher Liebe und Zuneigung ausgehungert schleppte ich mich abends in eine der unzähligen GO-GO BARS – schaute verloren auf die Tanzfläche – sah den müde tänzelnden Chicks zu, die sich lustlos an Stangen rieben oder brav im Kreis gescheucht wurden – die Nummern – wie bei Zuchtvieh – akkurat auf das Kostüm getackert.
Wenn die wüssten wie kaputt ich innerlich bin...
In mir geschahen gewaltige Dinge, die sich nicht in Worte fassen ließen, die ich selbst nicht erklären konnte.
Warum saß ich hier und dachte unablässig an meine Geliebte Mak?
Ein eigenartiges Gefühl stieg in mir hoch, die lächelnden Gäste zu beobachten. Warum können sie ungezwungen lachen und glücklich sein, permanente Lebensfreude, während ich regelmäßig in Trübsal verfalle und meine Neurosen kultiviere?
Mak raubt mir all meine Kraft die ich noch besaß. Meine Gedanken kreisen unentwegt um sie. Sie verfolgt mich bis in meine Träume!
Ich erinnere mich dunkel an das Zwiegespräch bei unserer ersten Begegnung. Als Nachfahren der Paw Mot praktiziert auch sie den dunklen Kult der Schamanen, sie hatte mich offenbar verhext, einen bösen Geist (Phii) auf mich angesetzt, der mir Schaden soll! Sie manipuliert meinen Geist um die Liebe einzufordern, die ich ihr versprochen hatte! Die verschworenen Mönche hatten längst ein schwarzmagisches Mantra rezitiert, um einen Schutzwall um Mak zu errichten, der mich, den gemeinsamen Feind, identifizieren und zerstören sollte!
Wie dumpfe Schläge aus einer anderen Welt überkamen mich Schübe unerklärlicher Ängste um meine heimliche Geliebte, die ein Kind von mir in sich trägt, das seinen Vater wahrscheinlich nie kennen lernen wird, weil er an einer seltenen Herzkrankheit dahin siechte. Ich bekam einen anfallartigen Schmerz direkt in meinem Brustkorb, eine instabile Herzenge; ich ringe verzweifelt nach Luft und knöpfe zitternd mein Hemd auf.
Ein drohender Herzinfarkt!
Ich lief aufgeregt im Hotelzimmer umher, drückte mit der linken Hand unaufhörlich auf meinen Herzmuskel und hielt mir mit der rechten Hand den Mund zu, als müsste ich schreien. Ich schaute mit angsterfüllten Augen in den Spiegel, sah mein Gesicht entstellt wie ein Waldschrat. So extrem habe ich diese Schmerzen im Brustkorb nie empfunden; ich packte zitternd meine Reisetasche zusammen und schloss Frieden mit mir. Meine Tachykardien waren unfassbar. Ein deutliches Schwächegefühl riss mir förmlich den Boden unter den Füssen weg.
Hoffentlich, so dachte ich noch wahnhaft, wird ein geeignetes Spenderherz organisiert werden, akzeptieren die auch VISA? Was ist, wenn für meine verfetteten Arterien kein angepasstes aufgequollenes Mutantenherz zur Verfügung steht?
Wenn mir stattdessen das Herz eines Kamels transplantiert werden muss, weil meine Arterien durch jahrelangen Bluthochdruck dick wie Gartenschläuche geworden sind? Völlig wirre und unrationale Gedanken kreisten in meinem Kopf herum; ich muss meine Frau und meine Familie benachrichtigen, ein organisatorischer Kraftakt lastet plötzlich auf mir.
Ich steuerte unverzüglich das Sukhumvit Hospital an – zum Glück fand ich in der Nähe ein Hotel. So schleppte ich mich mit meiner schweren Tasche über den Parkplatz, stieß die Türen auf und rief den Schwestern auf englisch zu: »Please help me! I have a heart attack!«, doch die nahmen mich nicht ernst – begrüßten mich liebevoll mit einem Weih und verlangten im geschäftigen Tonfall meinen Passport. Ein Indischer Herzspezialist wurde gerufen, er fragte mich unverzüglich: »what´s your problem?«
Ich suchte verzweifelt nach den richtigen Wörtern, doch offenbar war mein englisch recht grottig, so stieß ich in meiner Verzweifelung »it explodes!« heraus und fasste mir zeitgleich an mein Herz und schaute ihn hilfesuchend an; jetzt wurde der Inder doch hektisch und ahnte einen verzweifelten Taliban-Anhänger in mir entlarvt zu haben!
Nach einer gründlichen Untersuchung wurde ich mit Madiplot – Blutdruck senkenden Tabletten und übelsten Pharmazeutika Lorazepam (Tavor) hinaus geschickt. Der doofe Herzspezialist mit seinem inkompetenten Team stellte offenbar eine falsche Diagnose und unterstellte mir eine psychotische Panikattacke.
Zugegeben, mir war auch schleierhaft, woher ich den Atem für den drei Kilometer weiten Weg hernahm, den ich in der schwülen Luft mit meinem schweren Koffer zurücklegte; dieses unerträgliche Ziehen und diese Stiche in der Herzgegend bildete ich mir doch nicht ein? Ich erkundigte mich obligatorisch nach dem Tumorzentrum und fragte nach einem gewissen Dr. Dr. und wurde dann freundlich hinaus gebeten.
Meine körperlichen Beschwerden hatten eine neue Dimension erreicht. Ich war bereit freiwillig Medikamente einzunehmen und auch noch sedierende Antidepressiva, die mir ein unbekannter Arzt aus Pakistan verschrieb! Medikamente, mit einem Beipackzettel in englischer und asiatischer Sprache, lang wie eine Toilettenrolle!
Ich, der gedanklich schon von der blutverdünnenden Wirkung eines einzigen Aspirins kollabierte!
Da wurden Nebenwirkungen im Beipackzettel aufgeführt, gegen die das Medikament ursprünglich helfen sollte! „Wirkt angstlösend“ und kann gleichzeitig „Angst und Panikattacken auslösen.“
Sehr schön!
Eine schwierige Zeit für mich.
In meinem Hotelzimmer hielt ich es an diesem Abend nicht aus. Voller Entsetzen registrierte ein stets hellwaches, in meinen Gedanken hausendes Subjekt, unermüdlich ziehend und pochendes Gerumpel in meinem Brustkorb – ächzender Klang verklemmter Herzklappen. Fast zwanghaft konzentrierte sich meine gesamte Wahrnehmung auf diese seltsamen Geräusche in meinem Körper. Überschattet wurde diese lauernde Erwartungshaltung vor einem erneuten Herzanfall nur von der noch schlimmeren exzessiven Vernichtungsangst.
Ich musste hier raus!
Stellte zudem fest, dass sich die Fenster im Hotelzimmer nicht öffnen ließen! Sichtlich beengt, mit dem Gefühl wie ein Tier im Zoo eingesperrt zu sein, lief ich panikartig auf die Strasse!
Am nächsten Tag hatte ich mich mit Pim verabredet, offenbar sah sie nicht nur jung aus – war es wohl auch. Sie musste ihre ID (Identity Card) an der Rezeption vorlegen. Sie zierte sich wie ein kleines Mädchen, es dauerte eine Stunde, bis ich ihr endlich einen Finger in die Möse stecken konnte. Die Fut war eng und schnalzte wie bei einem aufgeschnittenen Tennisball immer wieder zusammen. Permanent fummelte Pim an ihrem Nokia Handy herum, schrieb pausenlos SMS an ihre Freundinnen. Duschen musste ich allein. Nachdem ich aus dem Bad kam, war Pim immer noch nicht ganz nackt. Sie fummelte lieblos an meinem Ständer herum, stülpte mir sogar ein Kondom über, wollte mir einen blasen. Sie war sehr ungeschickt und nahm eine Hand zu Hilfe, so hektisch würden an der Front Kanonenrohre poliert, sollte man unter Dauerbeschuss stehen. Mit der anderen Hand wurden von ihr weiterhin SMS im T9 Prediction Modus geschrieben. Sie wollte sich offensichtlich vor dem ficken drücken.
Mit stoischer Ruhe schaute ich ihr gespannt zu und dachte an kaltes Gebirgswasser, an Hunde mit spitzen Schnauzen und an Blutegel. So einfach kommt sie mir nicht davon.
Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt. Ich riss mir das Kondom herunter, drehte Pim ruckartig herum und drückte meinen rot geriebenen Stängel in ihre enge Spalte hinein! Sie wurde so heftig von mir geknallt, bis ihr das bescheuerte Handy aus der Hand fiel! Nachdem das geklärt war, hatte ich einen wunderbaren Orgasmus.
Pim rannte sofort ins Bad und schloss sich ein.
Augenscheinlich wurde sie von keinem Apotheker über die Pille danach aufgeklärt. Nach einer Stunde Wassergeplätscher kam sie wieder aus dem Badzimmer. Ich klimperte derweil gedankenverloren und an ihr desinteressiert auf meiner Gitarre und verfiel in übliche Grübelei. In mir entfachte dieser zähe Monolog über die Evolutionstheorie. Pim hob derweil ihr Handy auf, zog sich wortlos an und ging. Bye!
Offenbar sind wir beide nicht kompatibel.
Das Abschiedswort „bye“ hatte mich schwer getroffen, ich fühlte mich von ihr im Stich gelassen, wie ein kleines Kind, das mit ansehen muss, wie seine Eltern zum Scharfrichter geführt werden. Es überwältigten mich üble Verlassensängste, so wie damals kurz vor meinem Alkoholexzess als Jugendlicher.
Als Pim längst gegangen war, wisperte ich noch immer leise, nicht bye, bitte, nicht bye… komm zurück! Ich hielt mich verkrampft an der Gitarre fest und heulte.
Mittlerweile gab es nur zwei Gemütszustände zwischen denen ich permanent herumhüpfte. Melancholiker und Choleriker!
Durch die Fixierung auf meine Frau, die nun drohte unter der schweren Last die ihr aufgebürdet wurde zusammenzubrechen, habe ich völlig meinen Halt verloren. Diese permanente Vernichtungsangst überschattet mich fast täglich und nur diese freudlosen Eskapaden geben mir wenige Stunden Amnesie vor mir selbst, wie unter einem Zwang den man nicht widerstehen kann.
Nach der dritten Messung meines Blutdrucks an diesem Morgen, mit beängstigend hohen Werten, schmiss ich das Blutdruckmessgerät endgültig in den Papierkorb. Das Gerät war entweder defekt oder die Tabletten aus dem Sukhumvit Hospital schlugen nicht an.
Langsam wurde mir bewusst, dass meine Entscheidung im Land des Lächelns zu leben nicht funktionieren wird...

Ich ließ mich mit einem Tuk Tuk Richtung Nana-Hotel bringen und etwa einen Kilometer vorher absetzen; bin mit schweren Einkaufstüten die Sukhumvit Rd hinunter gegangen, dorthin wo ein bestimmtes Mädchen stand.
Seit dem dritten Tag meiner Ankunft in Bangkok, war es das gleiche Mädchen, die ich in dieser Ecke suchte. Wenn sie nicht dort stand, wo ich sie vermutete, suchte ich sämtliche Soi rund um die Sukhumvit Rd ab, bis ich sie endlich fand. Sie war so hässlich! Warum gab Gott ihr dagegen diesen perfekten knabenhaften Körper?
Sie trug unscheinbares Outfit und kaufte sich offenbar stattdessen lieber Crack oder anderen Scheißdreck von ihrem Geld. Vom Essen schien sie nicht viel zu halten, bei ihren geschätzten 38 kg. Sie saß gerne auf einer Mauer oder auf einer Bank und ergötzte sich langweiliger Shōjo Ai japanischen Yuri-Manga.
Wegen ihres Drogenkonsums hatte ich sie nach zwei Wochen Bangkok regelrecht gehasst. Bei meinem letzten Besuch prügelten wir uns sogar, sie war auf Entzug und gereizt. Anschließend saß ich noch bei ihr, sie hatte Yaba Pillen besorgt und lud mich ein. Ausgerechnet mich!
Yaba ist der thailändische Name für verrückte Medizin. Die Droge ist auch unter dem Namen Crystal Meth oder Crystal Speed bekannt. Fast 100 % reines Methamphetamin, das sowohl als Tablette (Yaba), als auch als Pulver (Crystal) eingenommen wird. Ich habe im Freundeskreis meiner Frau selbst gesehen, was diese Droge aus den Süchtigen macht, es lässt den Körper rapide altern und zerstört die Organe von innen; der geistige Zerfall ist gravierend; es macht Zombies aus den Menschen!
Eine weiße unscheinbare und kristalline Substanz, die über viele Stunden und sogar Tagen Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin freisetzt. Dieses Teufelszeug erzeugt genau die Symptome als Nebenwirkung, an denen ich selbst schon seit Monaten litt! Zittern, Unruhe, Schlafstörungen, erweiterte Pupillen, eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis, optische und akustische Halluzinationen, Aggressionen und Herzrhythmusstörungen!
Nicht zu vergessen: Gereiztheit, Trägheit und Paranoia.
Warum ich urplötzlich Drogenexperte bin? Das ist nicht schwer zu erraten.
Richtig!
Ich tauschte mit der Hässlichen gemeinsam Körperflüssigkeiten aus und es wäre doch möglich, dass Spuren dieser giftigen Substanzen auf mich übergegangen sind! Deshalb geht es mir ja auch gesundheitlich so schlecht! Noch in derselben Nacht, nach meiner ersten Begegnung mit ihr in Bangkok, googelte ich in meinem Hotelzimmer nach entsprechenden Hinweisen.
Willkommen bei der paranoiden Wahnvorstellung Episode Nummer drei oder vier; ich weiß es schon nicht mehr.
Nach nur einer Pille und etlichen Gläsern Alkohol an diesem Abend fiel sie rückwärts auf das Bett und blieb dort liegen. Zum Abschied habe ich sie noch sanft genommen und anschließend auf dem Bett liegen lassen – wollte sie nicht stören.
Wie kann ein Mensch sich so etwas antun!
Überall verstreut lagen diese giftigen Pillen und kristallines Pulver (Crystal) in Tütchen verpackt herum. Sie schniefte auch Angel Dust. Mit nervösen Wischbewegungen über meine Kleidung versuchte ich den Anflug einer Paranoia zumindest vorübergehend abzuwenden und schrie hysterisch laut auf: »igitt, haut ab!«, durch meine hektischen, flatterigen Bewegungen wurden immer mehr Staubpartikel und Pulver aufgewirbelt. Ich zog das T-Shirt bis über meine Nase und sammelte schnell meine beiden benutzten Kondome ein, knotete sie zusammen und schrieb das Datum drauf. Mit spitzen Fingern und den Kondomen in der Hand, hielt ich mein T-Shirt links und rechts der Oberarme fest und flatterte damit hektisch herum, so wie eine Fledermaus.
Eigenartig.
Ich schaute sie beiläufig an und konnte dennoch kein Mitleid empfinden, wo sind nur meine Gefühle geblieben. Ich schloss die Tür und ging mit einem Gefühl, als würde ich einen Tatort verlassen.

Letzten Monat steckte ich in der wohl heftigsten Krise, seitdem ich in diesem Land war. Nichts konnte meinen abtransportiert zu einem Mönch verhindern. Die Nachbarn in unserer Strasse konnten meine schwankenden Gemütszustände nicht adäquat einschätzen und meine Frau war hilflos. Ich sah meine Frau nie so hilflos, wie an jenem Tag. Der Mönch sollte mir den Teufel oder ähnlich Schlimmes heraus treiben. So wurde mein Körper heftig mit Weihrauchkerzen geräuchert; mir brannten die Augen. Diese Räucherzeremonien werden auch von Mexikanischen Tolteken zelebriert, die Krieger werden über Stunden über offenem Feuer symbolisch gegrillt, um deren Geilheit aus den Körpern zu treiben. Ich hoffe bei mir wird nicht gleiches statuiert.
Anschließend wurden bei mir diverse Körperstellen mit geweihtem Wasser bespuckt und eine Stunde für mich gebetet. Der Mönch muss sehr Unheilsames in meiner Aura entdeckt haben, schließlich sollte ich mich vor seinen Stuhl auf den Fußboden setzen. Er drückte mir die geballten Fäuste auf die Schultern, bis ich unter Schmerzen zusammenbrach. Seine Arme waren sehr kräftig und von oben bis unten mit Schlangen tätowiert. Warum bin ich nur nicht stutzig geworden?
Tätowierte Mönche sind zu ächten!
Er kratze mich vom Boden auf und rammte wieder seine Fäuste auf meiner Wirbelsäule entlang und drückte unangenehm und schmerzhaft in meine Nierengegend.
Langsam war der Punkt gekommen, an dem ich mich querschnittsgelähmt in einem Bambus-Rollstuhl im Isaan herum dümpeln sah. Nur noch mittels Sprachcomputer mit der Außenwelt kommunizierend. Mir kommt Stephen Hawkings in den Sinn.
Den Teufel konnte der resignierte Mönch offenbar nicht aus mir heraus treiben, noch am selben Abend wurde mein angeschlagener Leib mit erloschener Lebensflamme in eine Notaufnahme gekachelt. Der postierte Pförtner, den Eingang des Krankenhauses fest in seiner Verwaltung, öffnete die Autotür der Beifahrerseite und holte unverzüglich einen neben den Türen reservierten Rollstuhl herbei. Was seine bestürzten Augen sahen machte den gestandenen Türwärter sichtlich betroffen.
Meine behaarten Arme mit verkrampften Fingern – Primaten ähnlicher Haltung – hingen wie bei beginnenden Muskelkrampf seitlich schlaff herab. Augen und Mund weit aufgerissen, starrten tief in ein unergründliches Nirwana hinein. In genau dieser desolaten Körperhaltung wurde ich aus dem Auto gepult und durch die Einganghalle des Hospitals geschoben.
Wieder scharrte sich unfähiges Personal um mich, gaben sich als Chefärzte aus und behandelten somatische Störungen, die mangels einer vernünftigen Ausbildung als Stressbedingter Nervenzusammenbruch diagnostiziert wurden.
Nach einer Stunde stand ich am Ausgabeschalter und erwartete meine braune Papiertüte mit den Medikamenten, saß wie ein Junkie auf Metadonentzug brav auf der Bank, kontrollierte jeden Handgriff der Bediensteten, die meine Tüte sorgsam mit abgezählten Tabletten bestückte. Mit wehleidigem Blick auf meine noch halbleere Tüte, einem Blick auf das Tablettenregal und mit einem weiteren Blick auf die nette Dame, versuchte ich sie zu einer weiteren Packung Beruhigungsmittel zu bewegen. Ich wiederholte diese Blickfolge ständig, bis dem schwarzen Engel im weißen Kittel der Kamm schwoll und sie widerwillig eine extra Packung Lorazepam einpackte.
Ich umklammerte das braune Tütchen wie ein Säufer seine Flasche oder wie ein Säugling die Brust der Mutter und ergötzte mich meiner kreativen Gedanken; versank etwas lauter in einem verzweifelten Selbstgespräch; hob die Arme zum Halleluja und erblickte mich selbst als verzerrte unansehnliche Gestalt in der glänzenden Fahrstuhltür. Wie ich mich da so sah, mit meiner Medikamententüte im Arm, rief ich mir kopfschüttelnd selbst zu: Wie ein Bauer seinen Reissack! Mir fielen unter bescheuerten Gekicher noch unzählig weitere Vergleiche ein. Wie ein Priester das Kruzifix, wie eine Frau ihr hübsches Höschen…
Ich lachte laut auf!
Sehr seltsam, dabei hatte ich doch überhaupt keine Pille geschluckt? Ich gab dem Türvorsteher hundert Baht Trinkgeld und bedankte mich bei ihm, für die zuvorkommende Behandlung.
Er war die ungekrönte Kompetenz an diesem Abend.
Ausschlaggebend für diesen erneuten Rückfall war ein weißes Haar, ich entdeckte es voller Entsetzen morgens im Spiegel bei mir an den Schläfen. Ein klares Indiz dafür, dass meine Generation als nächstes vom Sensemann abgeholt wird. Im morgendlichen Spiegel musste ich entsetzt mit ansehen, wie sich die Haut über meinem Gesicht nach hinten zog und mich wie einen Totenkopf erscheinen ließ.
Mir wurde mein eigener Tod offenbart!
Anschließend ging es mit meinem Wohlbefinden steil bergab und ich wurde schließlich erst zu einem Mönch und danach in die Notaufnahme abtransportiert. Ich hatte die Präsenz des Todes nie so intensiv erlebt, wie in dieser Situation. Ich spürte seine erbarmungslose Gegenwart in jedem Raum; spürte, wie seine treuen Diener aus dem Ätherbereich heraus mit einem Schwenker meinen geschwächten Kokon aufschlugen; genau über meinem Solarplexus spürte ich das peinigende Gefühl dieses flüchtigen Pochens! Mit einer Picke hackte sich der Tod durch meine Substanz und schlug unaufhörlich auf meinen geschwächten Leib ein.
Nie war er mir so nahe gekommen.
Dieser symbolisierte Tod wanderte seit Jahren in vielen Gewändern durch meinen Körper und somatisierte sich anfangs in jungen Jahren mit Herz- Kreislaufbeschwerden, krabbelte die Wirbelsäule hinauf und strafte mich mit Hexenschuss und Rückenbeschwerden und Nackenverspannungen; schließlich mit chronifizierten Halsschmerzen und grippalen Infekten.
Zum Schluss verbarg er seine gesamte düstere Gestalt in meinem Herzen. Ein Hüter, der offenkundig von mir engagiert wurde, um meine Sorgen um die körperliche Integrität aufrecht zu erhalten. Es dämmerte mir langsam, er war nur der Wächter meiner eigentlichen Urangst. Ich brauchte ihn, er wurde mein Verbündeter, um die noch viel schlimmere Befürchtung zu ertragen, etwas Unaussprechliches…
Ich möchte es mal so umschreiben: Es ist mir nicht möglich in Würde älter zu werden, der Alterungsprozess des Körpers ist eine Beleidigung für meine Sinne. Seit Jahren schon versuche ich diesen Prozess mit einem keltischen Brauchtum aufzuhalten, in dem ich meinen Körper mit einem Gemisch aus Blut und Sperma einreibe! Die Beschaffung des eigenen Blutes war stets problematisch, bei meinen panischen Ängsten vor Spritzen, spitzen Gegenständen und Verletzungen!
Wie auch immer. So kann es in Thailand nicht weitergehen.
Es plagten mich zudem schwere Gewissenkonflikte, weil ich meine Kinder aus ihrem Leben in Deutschland gerissen hatte; die beiden Jungs sind in der thailändischen Umgebung und in der Schule sehr unglücklich. Sie hatten mehrfach geweint und wollten zurück in ihre vertraute Heimat.

Die Gegensätze in Bangkok sind ziemlich krass, toben in einer Straße das moderne Treiben und der wilde Markthandel auf Hochtouren, so kann die nächste Gasse in eine heruntergekommene Geistergegend führen. Von einer prachtvollen mit Palmen bewachsenen Hauptverkehrsader bog ich in die Soi xy ein und gelangte nach Rattanakosin. Dort zwischen dem Chao Praya River und Sukhumvit liegt das eng bebaute ursprüngliche Bangkok. In Yaowarat Chinatown holte ich mir noch etwas gegen meinen hohen Blutdruck (Gao Xueya). Doch offensichtlich gab es ein verbales Missverständnis mit dem chinesischen Drogisten, er nickte verständnisvoll und gab mir eine Packung Caverta, ein indisches Potenzmittel.
Es roch dort im Geschäft betörend und biss sich in meiner Nase. Berauschende Düfte aus exotischen Parfümen, Ophium-Lampen und Weihrauch. Vor dem Geschäft gesellte sich würzig riechende Ziegen- oder Elefantenpisse dazu.
Bevor ich heute zu meiner Verabredung gehe, schaue ich eingehend in den Spiegel. Was ich sehe ist nicht wirklich beruhigend. Sah ich anfangs in Thailand liebevoll wie eine Schleier-Eule aus, grinst mich nun das abgewrackte Gesicht eines vermeintlichen Drogenkonsumenten entgegen. Mit schwarzen Augenringen und tiefen Falten. Ich bin müde geworden...
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, in eine böse manische Phase gerutscht zu sein. Die anfängliche Ideenflucht, bei der es mir unmöglich war die konstruktiven Gedankengänge länger zu verfolgen. Die verkürzten Schlafphasen, diese unkontrollierbare sexuelle Erregung.
Meine gestörte Selbsteinschätzung und meine übertriebene optimistische Grundstimmung sind wirklich unangemessen. Ich habe meine Familie mit meinem rücksichtslosen und in Bezug auf die Umstände hier in Thailand unpassenden Verhalten in Gefahr gebracht.
Diese Halluzinationen, diese Stimmen die zu mir sprechen, die Erregung und die ausgeprägten körperlichen Aktivitäten sind so extrem, dass ich für ein normales Gespräch mit meiner Frau mittlerweile unzugänglich wurde.
Dieser lichte Moment – in dem ich für Hilfe zugänglich war – verblasste und wurde augenblicklich wieder von einem Sog der Hoffnungslosigkeit verweht. Ich gab diesem grellen Neonlicht im Hotelzimmer die Schuld. Dieses Licht sandte unaufhörlich gepulste Strahlen aus, die meine Wahrnehmung beeinträchtigten! Es attackierte mich, störte meine Konzentration! Ich lief hinaus!
Der laue Spätnachmittag – mit immerhin noch 29 Grad – vollendete sich durch leise raschelnde Sträucher und länglichen Schatten der Palmen auf dem Betonasphalt der Uferpromenade. Mein Blick schweifte über den Chao Praya River. Ich trinke ein Bier und grüble weiter. Vielleicht habe ich Alzheimer entwickelt, verdammt, in meinem Kopf ist nur pürierter Brei, ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich schlage mit zwei Fäusten auf meinem Kopf und habe Schmerzen; verziehe mein Gesicht, wie eine gequälte Gestalt!
Ich habe so unendlich viele Baustellen in mir selbst entwickelt, ich kann nicht mehr auf Besserung hoffen.
An einem Eisengeländer gelehnt wartete eine junge Mutter, die ich flüchtig im Chat kennen lernte und die kein Problem damit hatte, sie nur zum bumsen in Bangkok zu besuchen. Um sie nicht zu vergrätzen, schickte ich ihr vorsichtshalber ein Goldkettchen in einem Briefumschlag vorbei. Es hatte kein vierundzwanzig Karat, so wie in Thailand übliches Gold, sondern es war billiges Judengold aus Deutschland. Es ähnelte einem Blechkettchen aus einem Kaugummiautomaten.
Ein kleines Mädchen ging auf der Promenade der wartenden Mutter entgegen. Sie watschelte unsicher mit einer kleinen Tüte salziger Gewürzmischung und einem Stück länglich geschnittener Ananas in der Hand zwischen den parkenden Motorrädern herum. Ich nahm das Kind auf meine Schultern, damit es besser über das Geländer blicken konnte. Das Mädchen trug kein Höschen unter dem Kleid, ihre klatschnasse Muschel rieb sich an meinem Nacken.
Es war nicht geplant ihre Tochter dabei zu haben, doch es fand sich kein Babysitter. Der Schweizer Vater, ein Zahnarzt in mittleren Jahren, hatte sich nach der Geburt der gemeinsamen Tochter aus dem Staub gemacht. Seitdem musste die junge Mutter die gesamte Familie allein versorgen.
Da ich pleite war, gab ich ihr alles was ich noch in meiner Hosentasche fand. Als Berliner Junge hatte ich immer Strippe, einen Stein und Büroklammern dabei und 6.000 gebügelt glatte Baht. Wahrscheinlich mehr als sie mit arbeiten in einem Monat in ihrem stickigen Bügelshop verdienen wird. Sie konnte es nicht fassen und verbeugte sich mit einem Weih. Sie trug ein winziges Goldkettchen um ihren Hals, es lag blass und matt auf ihrer braunen Haut. Welcher Filz hat diesem hübschen Mädchen nur diese billige Attrappe geschenkt?
Sie zerrte mich an meinem T-Shirt fort. Die leere LEO-Flasche flog im hohen Bogen in die braune Gischt des Chao Praya River. Der Fluss ist so tot, selbst kleinste Wasserspritzer führen zwangsläufig zu schwersten Verätzungen. Das Kind blieb auf meinen Schultern.
Bedingt durch die Zahnspange im Mund lispelte die Mutter etwas – schon bei der verlispelten Begrüßung ›Sawasdii kah‹ bekam ich eine solide Erektion.
In einem kleinen Raum der Wohnung waren dünne Bastmatratzen ausgelegt, die als Schlafgelegenheit dienten. Die Armut der kleinen Familie war unübersehbar. Ich hatte ihren Namen schon wieder vergessen. Supanida-Ramaporn oder so ähnlich, der Name lag mir nicht wirklich und daher nannte ich sie nur Porn.
Porn legte sich auf die Matratze, zog ihr Kleidchen herab und zog mich zu sich. Mein Gehirn war wie blockiert, ich konnte nicht registrieren ob jemand uns auflauerte oder beobachtete. Ob ein Schlag in mein Genick mich nieder streckt... Alles was ich besaß hatte sie ja bereits, mein Geld, die Strippe, den Stein, die Büroklammer und das vergoldete Zinnamalgamkettchen.
Auch war bei ihr unmöglich an Geschlechtskrankheiten zu denken. So ein Mädchen hat nichts Ansteckendes…
Dann erblickte ich ein Wunder!
Sie war unten herum rasiert! Kein bei thailändischen Mädels üblicher Urwald, in dem unheilsames Gezücht nisten könnte! Es entfleuchte mir innerlich ein freudiges Juhe! Ich bekam vor lauter unterdrückter Glücksgefühle Stiche in meinem Herzen und schluckte schnell eine Beruhigungstablette.
Sie riss ihr rasiertes Drachenmaul auf, das zwischen ihren zierlichen Schenkeln lag, die wie eine Schere auseinander klafften, dessen Scherkraft mich mühelos zerdrücken könnte. Mein Aal züngelte wie eine wilde Schlange vor ihrer heißen Grotte, wir mussten „ihn“ mit vier Händen bändigen und in sie hineinstopfen. Er wurde gierig verschlungen – schlupp, weg war er und in mir entbrannte der Rausch der Begierde auf diese thailändische Mutter. Porn lutschte an meinen Fingern, neben ihr lag der zerfranste Teddy ihrer Tochter. Sie stöhnte bei jedem Stoß »uff, uff!« Ihr zierlicher Körper brachte keine 40 kg auf die Waage und zitterte unter meinen Stößen.
Ich musste behutsam sein – wollte schließlich nichts bei ihr kaputt machen. Sie roch so betörend nach Fisch, Pipi und Schweiß, ich wollte sie auffressen.
Ihre Brüste lagen wie Handgranaten in meinen Händen und schnellten immer wieder in ihre stramme Ausgangsposition zurück. Sie schlang ihre Beine um meinen Rücken und presste mich derart an sich, dass mir fast die Luft wegblieb. Sie wollte noch von hinten gebumst werden, na, nicht ganz freiwillig. Selten konnte ein Mädchen ihren Rücken mehr durchbiegen. Porn vollendete diese Stellung zur meisterhaften Präzision. Nach wenigen Stößen befüllte ich sie mit allem was mein Schlappsack in der Hitze ihrer Wohnung noch hergab und ich fiel erschöpft auf sie. Mein ganzer Körper zitterte unkontrolliert und in meiner rechten Hand hatte sich ein Tremor entwickelt.
Es gab keine Klimaanlage, nur einen Ventilator, der 32 Grad schwülwarme Luft in Bewegung hielt. Ich bekam Atemnot.

Es war geplant von Porn aus weiter zu ziehen um in meinem Hotelzimmer einige Erlebnisse in den Laptop zu schreiben. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass ich mich in Bangkok zum Spaß herumtreibe, weit gefehlt, für morgen habe ich einen Termin bei der Deutschen Botschaft vereinbart. Unser Haus in Deutschland wurde verkauft und meine Unterschrift sollte in der Botschaft beglaubigt werden.
Ich hätte dieses sensible Thema nicht erwähnen dürfen, seitdem ich über den Verkauf unseres Hauses bescheid wusste, ging es mit mir gesundheitlich steil bergab.
Ich werde mit dem Verkauf des Hauses nicht nur ein wichtiges Symbol verlieren, sondern auch meinen Rückzug aufgeben. Die Grundlage unseres gemeinsamen Lebens wird mir entzogen und ich werde für immer und ewig allein hier verbleiben und irgendwann in den tropischen Wäldern verstört herumirren und ableben; die Augen schließen; das Zeitliche segnen; zu Staub werden; ins Gras beißen; abberufen werden; aus dem Leben scheiden; in die Grube fahren!
Doch im hier und jetzt kommt plötzlich der Pragmatiker in mir durch. Eigentlich hatte ich Porn ja bereits bezahlt und wenn ich die 0,90 Eurocent für das Goldkettchen dazu addiere, sollte eine Übernachtung mit Frühstück drin sein. Doch daraus wurde nichts. Sie teilt sich das Haus zusammen mit dem Bruder und der Mutter, die beide jeden Augenblick von einer Feier zurück kommen werden.
Mitleid kam in mir hoch. Mit einem dicken Kloß im Hals schaue ich Porn an, dieses zerbrechliche Wesen, mehr Mädchen als Frau. Was diese schmalen Schultern für eine Last zu tragen haben, mehr als ich im Leben je ertragen werde. Fast wollte ich mich selbst bedauern.
Das exzessive Leben der letzten Wochen forderte seinen Tribut. Aus dem Nichts überkommt mich tiefe Niedergeschlagenheit. Ich fühle mich leer und ausgebrannt. Üble Gedanken peinigen mich.
Was mache ich hier eigentlich?
Welches Ziel verfolge ich überhaupt noch?
Versuche ich durch meine Rastlosigkeit und meine Triebhaftigkeit nur krampfhaft, die Leere in meinem Dasein zu überspielen?
Um die knappe Zeit die uns verblieb sinnvoll zu nutzen, wurde es Zeit eine der 100 mg. Caverta einzuschmeißen um den Indischen Viagra-Verschnitt zu testen. Doll kann das homöopathische Zeug nicht sein; die solide Erektion schwächelte.
Ich schluckte vorsichtshalber gleich zwei Caverta und würgte! Was für Bucker! Ich hatte einen Riesenständer – gefühlte drei Meter lang, und fühlte mich potent wie ein Stier, bis auf das komische weiße Flimmern vor den Augen. Oje – eine Überdosis. Ich bumste sie ohne Pause. Meine multiplen Orgasmen waren kurz und schmerzhaft und ohne einen einzigen Tropfen Samen zu verlieren! Seltsam. Ob das Nebenwirkungen des Indischen Potenzmittels waren?
Zum Abschied wollte ich Porn auf der Strasse einige nette Worte sagen, nicht, dass es mir etwas bedeuten würde, aber aus meinem Mund quälten sich bedeutungslose Wortfetzen. You… you… we…
Ich hatte Wortfindungsstörungen – sabberte und seiberte Bockmist zusammen. Leicht irritierte und beschämt wandte sich Porn von mir ab und ging. Noch immer war ich dabei meinen Mund nach allen Seiten zu verziehen, spitz, rund, ziehend, blasend… Hoffentlich ist nichts kaputt gegangen, zzzzz….
Ich beuge mich an einem Geländer und keuche stakkatoartig, als würde ich einen klobigen Skarabäus herauswürgen. Ob mein Sprachzentrum beschädigt wurde?
Endlich quälte sich ein gefühlskaltes thank you heraus. Es war mir nicht möglich nette Worte auszusprechen. Die Wahrnehmung der eigenen und fremden Grenzen zu spüren und einzuhalten, fiel mir immer schwerer. Ein sich aufdrängendes Allmachtsgefühl nahm von mir Besitz.
Porn war zurück in die Wohnung gegangen.
Ich wollte ihr noch zuwinken doch meine rechte Hand zittere so unkontrolliert, dass mir angst und bange wurde.


Kapitel VII
»Phantomtod«

 

Als müsste ich mir hier in Bangkok Rechenschaft ablegen, rekapitulierte ich die letzten Monate, als stünde ich vor dem jüngsten Gericht.
Warum verhalte ich mich so?
Warum verleugne ich meine Familie und warum diese wahnwitzige Angst endlich stehen zu bleiben – zur Ruhe zu kommen?
Über vierzig Jahre lang habe ich penibel auf meine körperliche Gesundheit geachtet, bis heute! Jede chemische Substanz ist mir recht, die mir hilft runter zu kommen!
Was will mir meine Seele sagen?
Mir ist, als würde ich trinken und doch verdursten, essen und doch verhungern. Diese zwanghaften Ausschweifungen schubsen mich immer tiefer in die Einsamkeit. Ich schlafe schon seit mehreren Wochen täglich nur eine oder zwei Stunden. Ich bin am Ende!
Alkohol, Tabletten, diesen ganzen Unrat den ich in mich hinein stopfe, das bin nicht ich! Früher hätte ich nie und nimmer Viagra eingenommen, denn meine phänomenale Urangst vor einem Herzinfarkt hätte diesen Ausrutscher nie geduldet!
Mein Verstand wird immer klarer, doch meine Seele schreit: Ich darf nicht einschlafen, nicht zur Ruhe kommen! Was passiert, wenn ich nicht mehr aufwache, was wird aus meiner Familie? Werde ich sie je wieder sehen?
Wenn ich lese oder schreibe, verlieren die Wörter ihren Sinn und treiben haltlos davon!
Hatte ich Schaum vor dem Mund? Mich mit Tollwut infiziert? Ich rannte im Hotelzimmer unverzüglich ins Bad um in den Spiegel zu schauen. Nein, es war kein Schaum. Aber meine Augen, blutunterlaufen liegen sie tief in ihren Höhlen. Wenn ich an einer seltenen Krankheit leide? Mit einem Virus infiziert wurde, der mich in etwas Unheimliches verwandelt?
Meinen Stuhlgang kontrollierte ich regelmäßig und notierte Farbe, physikalische Konsistenz und verzeichnete genauen Daten über meinen Metabolismus. Heute war die Farbe des Stuhls schwarz, ich erschrak und werde dem Arzt gleich morgen früh eine Probe bringen müssen, ihm mitteilen was ich sah. Doch alles erscheint wieder so sinnlos.
Was! Was? Was formte sich in mir! Welcher Dämon hatte sich in meine Substanz gefressen und zerstörte mich von innen? Stülpte mein Innerstes nach außen und machte mich verletzbar, dass selbst der Wind auf meiner Haut schmerzte und jeder Schatten und jede Gestalt mir Angst einjagt! Welche gewaltige Kraft hatte solche Macht über mich gewonnen, dass ich mich abschirmen musste von dem was mir lieb ist?
Mein Herz schlug wie toll, vor meinen Augen flimmerte es, ich hatte Sehstörungen und lag jede Nacht bis spät wach, schreckte mehrfach schweißgebadet hoch, wenn mich wieder diese gewaltige visionäre Botschaft überwältigt, die mich warnt: Wer schläft, der stirbt!
Meine Seele trennte sich von meinem Körper ab und schlüpfte in ein „ätherisches Doppel“, ein Energiefeld, das meinen Körper künstlich am Leben erhält. Ich sah bei vollem Bewusstsein, wie mein Körper unter mir zerstört wurde. Wie Feuerbälle auf ihn geschleudert wurden, er in Stücke gehackt wurde.
Jetzt werde ich verrückt!
Ich fühlte einen elektrischen Strom, der langsam meine Wirbelsäule emporkroch und in mein Reptilhirn einschlug und meinen Körper unkontrolliert zucken ließ. Im nächsten Moment stand alles um mich herum still, ich vergaß zu atmen und rang nach Luft. Dieses ewige Ziehen und Stechen in meiner Brust. Wie lange würde ich das aushalten? Wie lange würde ich diese Vibrationen meines Körpers ertragen, die ein undefinierbarer Druck in mir verursachte?
Dieses finale Elend begann an jenem Tage, als ich durch den Verkauf unseres Hauses symbolisch meinen gesamten Halt verloren hatte und als Konsequenz mit meiner Frau im abgeschiedenen Isaan verbleiben sollte. Mit der Auswanderung hatte ich mein gesellschaftliches Ansehen verloren; meine Familie, einfach alles! Gleichzeitig flüchtete ich zu meiner Geliebten um mit ihr ein freudloses Doppelleben zu führen.
In meiner Heimat hatte ich meine Dämonen noch im Griff, fütterte sie gelegentlich mit freudlosen Eskapaden, was sich aber hier in Thailand vor mir offenbarte war der blanke Horror!
Es gab kein Fundament, kein Halt in mir. Selbst der kurzzeitig beruhigende Besuch in der Notaufnahme hatte sein Mysterium verloren. Der Wächter, den ich jahrelang engagierte, trat einen Moment zur Seite und ließ mich gewähren. Ich hatte über Nacht meinen Schutzschild verloren, er ist einfach abgefallen! Ich meine damit:
Ich war an einem bestimmten Punkt angelangt mir die Wahrheit einzugestehen; vielleicht ist meine tiefste Angst nicht, einem Herzanfall zu erleiden, denn offenbar übe ich mit diesem ritualisierten Verhalten nur den Ernstfall, um meine Seele zu desensibilisieren.
Was ich wirklich fürchte, ruht viel tiefer! Es ist der äußere Verlust den ich fürchte und der mir nun in Thailand vor Augen geführt wurde. Meine Partnerin, meine Mutter und mein gesellschaftliches Ansehen zu verlieren. Diese Verluste erinnern mich schmerzlich daran, dass es in mir kein Fundament gibt, keine innere seelische Struktur auf die ich vertrauen kann.
Diese äußeren Verluste hatten nun den wahren Dämon entfesselt:
Meine tiefste Angst vor einer vollständigen Auflösung meines Selbst, einer Vernichtung meiner Identität, es ist die Angst nicht mehr da zu sein. Ausgelöscht zu werden!
Zu sterben!
Dieser Tag war heute…!
Ich sprach zu mir mit sanfter tiefer und sonorer Stimme; es wird alles gut, schlafe nur nicht ein!, der Schlaf wird mich heimtückisch aufsuchen und mir die mentale Stärke entreißen, die mich noch am Leben erhält! Im Träumen werde ich nicht mehr in der Lage sein, den Tod hinweg zu beabsichtigen, die Todesschwadronen aufzuhalten die unermüdlich bestrebt sind, mir mein Leben zu entreißen.
Wer wird sich um meine Familie kümmern? Wie soll es ohne mich weitergehen?

Auf dem Weg von Bangkok in den Isaan zu meiner Familie, überfiel mich eine unbeschreibliche Müdigkeit, die letzten Wochen und Monate waren einfach zu viel. Von Phahon Yotin aus bin ich die Route 1 östlich gefahren und wollte knapp außerhalb Bangkoks in Wang Noi anhalten um in einem kleinen Hotelzimmer zu übernachten. Dort saß ich erschöpft auf dem Fußboden – hoch konzentriert meine körperliche Integrität zu bewahren und zwanghaft fixiert auf meine offenkundig unrhythmische Atmung. Nachtfalter flatterten in den Raum hinein und umkreisten mich. Die Wände waren mit grünen Geckos übersät, die nun über mich zu wachen schienen.
Meine Kleidung lag wild zerstreut auf dem gemusterten braungrau gefliesten Fußboden herum, der Klang des Reiseweckers drang an meine Ohren. Er tickte leise, es war kurz vor neunzehn Uhr. Orientalische Klänge aus einem Zimmer nebenan trugen mich innerlich fort in eine unsynchronisierte Welt der Gefühle. Diese stress- und emotional bedinge Phase hier in Thailand konnte durch nichts mehr kompensiert werden und hinterließ tiefe Spuren in meinem seelischen Empfinden.
Ich starrte an die Decke und hörte unentwegt pfeifende und zischende Laute in den Ohren; konnte es aber nicht eindeutig unterscheiden, ob es sich um akustische Halluzinationen oder ein Tinnitus Symptom handeln könnte. Hervorstehenchen war ein Brummton, der exakt alle zehn Sekunden kurz unterbrach und sich dann unverändert fortsetzte. Meine Dekadenz war unübertrefflich, noch immer hoffte ein verschrobener Kern in mir unermüdlich daran, etwas ganz Besonderes zu sein, ein auserwähltes Sternenkind, dazu bestimmt, seinen Energielevel zu einem für Menschen unerträglichen Level anzuheben und zu ertragen!
Der gesamte Raum war mittlerweile von Nachtfaltern erfüllt, es waren Hunderte, sie saßen auf meinen Schultern, auf dem Computer, auf dem Teller, ich wurde eins mit ihrer mystischen Kraft und sie wurden ein Teil von mir. Ich verschmolz mit ihnen und wurde von der lauen Nacht in ihre Dimension gerückt. Es war gleichgütig was mit mir passiert. Ich hatte meinen inneren Frieden gefunden, eine unsagbare Stille senkte sich auf mich nieder und hüllte mich ein. Ein Zustand, den ich seit Jahren ersehnt habe.
Ich machte mich bereit durch meinen eigenen Tod zu gehen, meinen Phantomtod zu durchleben.
Wieder bekam ich diese Stiche in meinem Herzen, diesmal waren sie wesentlich länger und intensiver als sonst; ich stützte mich an einer kleinen Kommode ab und dachte an das Ende, so empfand also ein Mensch, der im Begriff war zu sterben. Ich drückte eine Hand auf mein Herz und presste es ganz fest zusammen, wollte es isolieren von meinen anderen Organen und sprach mir selbst leise zu: »Warum tyrannisierst du mich! Ich brauche dich doch! Bitte, lass mich nicht sterben!«, ich hämmerte verkrampft mit einer Faust auf meinen Brustkorb und glotze apathisch in die Ecke. Ich wurde Zeuge einer sehr paradoxen Phase, in der sich meine gedankliche Welt in die Realität einkoppelte und wie durch Brüche in die Welt eindrang.
Kurze Sequenzen sausten gedanklich vorüber; meine Schwester lag regungslos im Bett wie aufgebahrt, unser Opa stand neben ihr und schaute sie an; er sah mit zunehmendem Alter selbst aus wie eine gequälte Gestalt.
Dann plötzlich ein Szenenwechsel, es ragte eine riesige Hand aus der Finsternis und griff nach mir; Nani überreichte mir ihr Baby als Symbol des Abschieds.
Ein schmerzhafter Prozess beginnt, denn die Starrheit meines individuellen Bewusstseins kommt in die unmittelbare Zerrphase zweier Welten. Wird mir mein Lebensfilm vor Augen geführt?
Die Musik aus dem benachbarten Zimmer klang wie ein Requiem aus einer anderen Welt. Voller Erinnerungen aber unerreichbar. Ich möchte in das Geschehen eingreifen, die gestartete DNS-Sequenz – die den tödlichen Prozess auslösen wird – beenden, aber ich kann es nicht mehr. Alice erscheint gedanklich vor mir, ich erinnerte mich, damals mit einer Flasche Wein in der Hand in ihrer Küche zu tanzen und im Takt der Musik mit den Fingern zu schnippen. Es wurde mir bewusst eine Analogie zu erhalten, um zu verstehen nun zu meiner eigenen Totenmesse zu tanzen.
Meine Lebendigkeit ist von den Toten nicht mehr zu unterscheiden, die Stunde Null bricht herein. Die Erde mischt sich mit dem Himmel; ich blicke weit in das Zeit-Raumgefüge hinein. Meine niedere Astralwelt fällt auf mich, ich sehe mich als graues Gespenst lautlos durch verwahrloste Grundstücke wandern. Die Verstorbenen steigen aus den Särgen und begleiten mich eine Zeit lang wie verwaiste Schatten, sie stöhnen und seufzen, und verlassen mich anschließend in einem gigantischen Sog.
Ein imaginärer Nebel senkt sich über mich und breitet sich im Zimmer aus. Der Nebel hüllt mich ein. Ein merkwürdiges Gefühl strömt durch meinen Körper. Es ist ein ungewöhnliches Gefühl. Der Nebel wandelt sich langsam in orange, in gelb. Die gelbe Tönung geht in grün über, dann blau, dann purpur, dann violett, dann ultraviolett. Schließlich explodiert ein Blitz aus reinem weißem Licht in meinem Bewusstsein. Es scheint, dass ich nun selbst dieses Licht bin…
Ein Blitz der Erkenntnis durchzog mein Wesen! Mein ganzer Körper zittert unkontrolliert; unter festen Druck presste ich mit zwei Fäusten auf meinen Herzmuskel ein.
Ich wusste nicht wie lange ich im Schneidersitz auf dem Boden saß oder ob ich in dieser Zeit geatmet habe – mein Herz geschlagen hat. Mein Körper war übersät von Faltern, schwarz gestreifte, braune, rote und weiße Nachtfalter.
Bin ich nun tot?
Habe ich den Übergang zwischen Leben und Sterben verpasst – wird der schwarze Kapuzenmann kommen um mir seine knochige Hand zu reichen? Wird er mich zu sich locken? Wenn er nun in der Gestalt meiner Liebsten erscheint und ich ihm bereitwillig in die Arme laufe? Wenn er mich austrickst, hereinlegt, mit seinen miesen Tricks von dieser Erde holt?
Aus den verschwommenen Trümmern meiner Gedanken lief mir auf einer Wiese voller Blumen meine Tochter entgegen, ich wandelte ihr gemächlich entgegen und streckte meine Arme vor um sie zu empfangen, wir lachten zusammen und ich küsste sie am ganzen Körper.
Ich war so glücklich!
Eine innere Stimme sprach zu meiner Tochter und ermahnte sie: Die Menschen werden behaupten ich sei gestorben, doch das ist nicht wahr, glaube ihnen nicht.
Ich weiß es jetzt!
Ich kann nicht sterben, ich kann mich nur wandeln in eine andere Form um bei dir zu sein und um dich zu beschützen. Eine Metamorphose die nie enden wird. Ich werde ein Nachtfalter sein, der sanft auf deiner Schulter landet. Ich werde immer bei dir sein, wenn du mich brauchst. Werde dich aus den Augen deines liebsten Teddys beobachten, ich werde dich trösten und werde wachen über deinen Schlaf und dich nähren aus einem goldenen Kelch.
Auf der Wiese hinter meiner Tochter stand ihre Mutter. Noch einmal durfte ich meine Liebste berühren, ihre zierlichen Hände glitten über mich, mir war, als würde ein Feuersturm meine Seele zerfressen. Berührungen wie göttliche Liebe. Unsere gemeinsamen Gedanken fielen wie Billionen Eissplitter vom Himmel herab. Worte blieben unausgesprochen. Unsere beiden Körper wurden von roten Feuerstürmen durchzuckt; wir strömten zurück zum Ursprung der Zeit.
Wir waren die pure Vereinigung und die absolute Verschmelzung zweier Seelen. Ich wurde wieder das goldene Lichterkind. Der junge Knabe, der zu seinem Herr und Vater wollte.
Ein tiefgründiges Lächeln durchzog mein Gesicht. Jetzt spürte ich die Schmerzen nicht mehr.
Nichts Störendes weilt in diesem Raum, nichts das unausgesprochen blieb und nichts, das mir schaden könnte. Nichts, was in winzigen Worten gefasst, einen Sinn ergeben würde. Meine geliebte Tochter, wenn du diese Zeilen liest, werde ich vielleicht nicht bei dir sein, doch wir können nie getrennt werden, denn wir sind eins geworden. Mit dem Licht, der Luft, dem Feuer und dem Meer; mit der Sonne und den Sternen und dem Mond mit seinem fahlen Schein, mit den Bergen und den Winden und dem weichen Moos in dem wir schlafen werden.

 

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