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Kapitel VI
»Tabula rasa!«
(Auszugsweise Leseprobe)
…Ich ließ mich in der Nähe des Rajavithi
Hospital in Bangkok absetzen und fuhr von dort
aus mit einem Taxi zum Rotlichtviertel Nana
Plaza. Es befindet sich an der Seitenstraße Soi
4 (Soi Nana Tai) der Sukhumvit Road gegenüber
dem Nana Hotel. Dort checkte ich auch ein.
Das Hotel war eher durchschnittlich, dafür kein
extra fine (Lady fee) für Damenbesuch fällig.
Nach körperlicher Liebe und Zuneigung
ausgehungert schleppte ich mich abends in eine
der unzähligen GO-GO BARS – schaute verloren auf
die Tanzfläche – sah den müde tänzelnden Chicks
zu, die sich lustlos an Stangen rieben oder brav
im Kreis gescheucht wurden – die Nummern – wie
bei Zuchtvieh – akkurat auf das Kostüm getackert.
Wenn die wüssten wie kaputt ich innerlich bin...
In mir geschahen gewaltige Dinge, die sich nicht
in Worte fassen ließen, die ich selbst nicht
erklären konnte.
Warum saß ich hier und dachte unablässig an
meine Geliebte Mak?
Ein eigenartiges Gefühl stieg in mir hoch, die
lächelnden Gäste zu beobachten. Warum können sie
ungezwungen lachen und glücklich sein,
permanente Lebensfreude, während ich regelmäßig
in Trübsal verfalle und meine Neurosen
kultiviere?
Mak raubt mir all meine Kraft die ich noch
besaß. Meine Gedanken kreisen unentwegt um sie.
Sie verfolgt mich bis in meine Träume!
Ich erinnere mich dunkel an das Zwiegespräch bei
unserer ersten Begegnung. Als Nachfahren der Paw
Mot praktiziert auch sie den dunklen Kult der
Schamanen, sie hatte mich offenbar verhext,
einen bösen Geist (Phii) auf mich angesetzt, der
mir Schaden soll! Sie manipuliert meinen Geist
um die Liebe einzufordern, die ich ihr
versprochen hatte! Die verschworenen Mönche
hatten längst ein schwarzmagisches Mantra
rezitiert, um einen Schutzwall um Mak zu
errichten, der mich, den gemeinsamen Feind,
identifizieren und zerstören sollte!
Wie dumpfe Schläge aus einer anderen Welt
überkamen mich Schübe unerklärlicher Ängste um
meine heimliche Geliebte, die ein Kind von mir
in sich trägt, das seinen Vater wahrscheinlich
nie kennen lernen wird, weil er an einer
seltenen Herzkrankheit dahin siechte. Ich bekam
einen anfallartigen Schmerz direkt in meinem
Brustkorb, eine instabile Herzenge; ich ringe
verzweifelt nach Luft und knöpfe zitternd mein
Hemd auf.
Ein drohender Herzinfarkt!
Ich lief aufgeregt im Hotelzimmer umher, drückte
mit der linken Hand unaufhörlich auf meinen
Herzmuskel und hielt mir mit der rechten Hand
den Mund zu, als müsste ich schreien. Ich
schaute mit angsterfüllten Augen in den Spiegel,
sah mein Gesicht entstellt wie ein Waldschrat.
So extrem habe ich diese Schmerzen im Brustkorb
nie empfunden; ich packte zitternd meine
Reisetasche zusammen und schloss Frieden mit
mir. Meine Tachykardien waren unfassbar. Ein
deutliches Schwächegefühl riss mir förmlich den
Boden unter den Füssen weg.
Hoffentlich, so dachte ich noch wahnhaft, wird
ein geeignetes Spenderherz organisiert werden,
akzeptieren die auch VISA? Was ist, wenn für
meine verfetteten Arterien kein angepasstes
aufgequollenes Mutantenherz zur Verfügung steht?
Wenn mir stattdessen das Herz eines Kamels
transplantiert werden muss, weil meine Arterien
durch jahrelangen Bluthochdruck dick wie
Gartenschläuche geworden sind? Völlig wirre und
unrationale Gedanken kreisten in meinem Kopf
herum; ich muss meine Frau und meine Familie
benachrichtigen, ein organisatorischer Kraftakt
lastet plötzlich auf mir.
Ich steuerte unverzüglich das Sukhumvit Hospital
an – zum Glück fand ich in der Nähe ein Hotel.
So schleppte ich mich mit meiner schweren Tasche
über den Parkplatz, stieß die Türen auf und rief
den Schwestern auf englisch zu: »Please help me!
I have a heart attack!«, doch die nahmen mich
nicht ernst – begrüßten mich liebevoll mit einem
Weih und verlangten im geschäftigen Tonfall
meinen Passport. Ein Indischer Herzspezialist
wurde gerufen, er fragte mich unverzüglich: »what´s
your problem?«
Ich suchte verzweifelt nach den richtigen
Wörtern, doch offenbar war mein englisch recht
grottig, so stieß ich in meiner Verzweifelung »it
explodes!« heraus und fasste mir zeitgleich an
mein Herz und schaute ihn hilfesuchend an; jetzt
wurde der Inder doch hektisch und ahnte einen
verzweifelten Taliban-Anhänger in mir entlarvt
zu haben!
Nach einer gründlichen Untersuchung wurde ich
mit Madiplot – Blutdruck senkenden Tabletten und
übelsten Pharmazeutika Lorazepam (Tavor) hinaus
geschickt. Der doofe Herzspezialist mit seinem
inkompetenten Team stellte offenbar eine falsche
Diagnose und unterstellte mir eine psychotische
Panikattacke.
Zugegeben, mir war auch schleierhaft, woher ich
den Atem für den drei Kilometer weiten Weg
hernahm, den ich in der schwülen Luft mit meinem
schweren Koffer zurücklegte; dieses
unerträgliche Ziehen und diese Stiche in der
Herzgegend bildete ich mir doch nicht ein? Ich
erkundigte mich obligatorisch nach dem
Tumorzentrum und fragte nach einem gewissen Dr.
Dr. und wurde dann freundlich hinaus gebeten.
Meine körperlichen Beschwerden hatten eine neue
Dimension erreicht. Ich war bereit freiwillig
Medikamente einzunehmen und auch noch sedierende
Antidepressiva, die mir ein unbekannter Arzt aus
Pakistan verschrieb! Medikamente, mit einem
Beipackzettel in englischer und asiatischer
Sprache, lang wie eine Toilettenrolle!
Ich, der gedanklich schon von der
blutverdünnenden Wirkung eines einzigen Aspirins
kollabierte!
Da wurden Nebenwirkungen im Beipackzettel
aufgeführt, gegen die das Medikament
ursprünglich helfen sollte! „Wirkt angstlösend“
und kann gleichzeitig „Angst und Panikattacken
auslösen.“
Sehr schön!
Eine schwierige Zeit für mich.
In meinem Hotelzimmer hielt ich es an diesem
Abend nicht aus. Voller Entsetzen registrierte
ein stets hellwaches, in meinen Gedanken
hausendes Subjekt, unermüdlich ziehend und
pochendes Gerumpel in meinem Brustkorb –
ächzender Klang verklemmter Herzklappen. Fast
zwanghaft konzentrierte sich meine gesamte
Wahrnehmung auf diese seltsamen Geräusche in
meinem Körper. Überschattet wurde diese lauernde
Erwartungshaltung vor einem erneuten Herzanfall
nur von der noch schlimmeren exzessiven
Vernichtungsangst.
Ich musste hier raus!
Stellte zudem fest, dass sich die Fenster im
Hotelzimmer nicht öffnen ließen! Sichtlich
beengt, mit dem Gefühl wie ein Tier im Zoo
eingesperrt zu sein, lief ich panikartig auf die
Strasse!
Am nächsten Tag hatte ich mich mit Pim
verabredet, offenbar sah sie nicht nur jung aus
– war es wohl auch. Sie musste ihre ID (Identity
Card) an der Rezeption vorlegen. Sie zierte sich
wie ein kleines Mädchen, es dauerte eine Stunde,
bis ich ihr endlich einen Finger in die Möse
stecken konnte. Die Fut war eng und schnalzte
wie bei einem aufgeschnittenen Tennisball immer
wieder zusammen. Permanent fummelte Pim an ihrem
Nokia Handy herum, schrieb pausenlos SMS an ihre
Freundinnen. Duschen musste ich allein. Nachdem
ich aus dem Bad kam, war Pim immer noch nicht
ganz nackt. Sie fummelte lieblos an meinem
Ständer herum, stülpte mir sogar ein Kondom
über, wollte mir einen blasen. Sie war sehr
ungeschickt und nahm eine Hand zu Hilfe, so
hektisch würden an der Front Kanonenrohre
poliert, sollte man unter Dauerbeschuss stehen.
Mit der anderen Hand wurden von ihr weiterhin
SMS im T9 Prediction Modus geschrieben. Sie
wollte sich offensichtlich vor dem ficken
drücken.
Mit stoischer Ruhe schaute ich ihr gespannt zu
und dachte an kaltes Gebirgswasser, an Hunde mit
spitzen Schnauzen und an Blutegel. So einfach
kommt sie mir nicht davon.
Irgendwann ist mir der Kragen geplatzt. Ich riss
mir das Kondom herunter, drehte Pim ruckartig
herum und drückte meinen rot geriebenen Stängel
in ihre enge Spalte hinein! Sie wurde so heftig
von mir geknallt, bis ihr das bescheuerte Handy
aus der Hand fiel! Nachdem das geklärt war,
hatte ich einen wunderbaren Orgasmus.
Pim rannte sofort ins Bad und schloss sich ein.
Augenscheinlich wurde sie von keinem Apotheker
über die Pille danach aufgeklärt. Nach einer
Stunde Wassergeplätscher kam sie wieder aus dem
Badzimmer. Ich klimperte derweil
gedankenverloren und an ihr desinteressiert auf
meiner Gitarre und verfiel in übliche Grübelei.
In mir entfachte dieser zähe Monolog über die
Evolutionstheorie. Pim hob derweil ihr Handy
auf, zog sich wortlos an und ging. Bye!
Offenbar sind wir beide nicht kompatibel.
Das Abschiedswort „bye“ hatte mich schwer
getroffen, ich fühlte mich von ihr im Stich
gelassen, wie ein kleines Kind, das mit ansehen
muss, wie seine Eltern zum Scharfrichter geführt
werden. Es überwältigten mich üble
Verlassensängste, so wie damals kurz vor meinem
Alkoholexzess als Jugendlicher.
Als Pim längst gegangen war, wisperte ich noch
immer leise, nicht bye, bitte, nicht bye… komm
zurück! Ich hielt mich verkrampft an der Gitarre
fest und heulte.
Mittlerweile gab es nur zwei Gemütszustände
zwischen denen ich permanent herumhüpfte.
Melancholiker und Choleriker!
Durch die Fixierung auf meine Frau, die nun
drohte unter der schweren Last die ihr
aufgebürdet wurde zusammenzubrechen, habe ich
völlig meinen Halt verloren. Diese permanente
Vernichtungsangst überschattet mich fast täglich
und nur diese freudlosen Eskapaden geben mir
wenige Stunden Amnesie vor mir selbst, wie unter
einem Zwang den man nicht widerstehen kann.
Nach der dritten Messung meines Blutdrucks an
diesem Morgen, mit beängstigend hohen Werten,
schmiss ich das Blutdruckmessgerät endgültig in
den Papierkorb. Das Gerät war entweder defekt
oder die Tabletten aus dem Sukhumvit Hospital
schlugen nicht an.
Langsam wurde mir bewusst, dass meine
Entscheidung im Land des Lächelns zu leben nicht
funktionieren wird...
Ich ließ
mich mit einem Tuk Tuk Richtung Nana-Hotel
bringen und etwa einen Kilometer vorher
absetzen; bin mit schweren Einkaufstüten die
Sukhumvit Rd hinunter gegangen, dorthin wo ein
bestimmtes Mädchen stand.
Seit dem dritten Tag meiner Ankunft in Bangkok,
war es das gleiche Mädchen, die ich in dieser
Ecke suchte. Wenn sie nicht dort stand, wo ich
sie vermutete, suchte ich sämtliche Soi rund um
die Sukhumvit Rd ab, bis ich sie endlich fand.
Sie war so hässlich! Warum gab Gott ihr dagegen
diesen perfekten knabenhaften Körper?
Sie trug unscheinbares Outfit und kaufte sich
offenbar stattdessen lieber Crack oder anderen
Scheißdreck von ihrem Geld. Vom Essen schien sie
nicht viel zu halten, bei ihren geschätzten 38
kg. Sie saß gerne auf einer Mauer oder auf einer
Bank und ergötzte sich langweiliger Shōjo Ai
japanischen Yuri-Manga.
Wegen ihres Drogenkonsums hatte ich sie nach
zwei Wochen Bangkok regelrecht gehasst. Bei
meinem letzten Besuch prügelten wir uns sogar,
sie war auf Entzug und gereizt. Anschließend saß
ich noch bei ihr, sie hatte Yaba Pillen besorgt
und lud mich ein. Ausgerechnet mich!
Yaba ist der thailändische Name für verrückte
Medizin. Die Droge ist auch unter dem Namen
Crystal Meth oder Crystal Speed bekannt. Fast
100 % reines Methamphetamin, das sowohl als
Tablette (Yaba), als auch als Pulver (Crystal)
eingenommen wird. Ich habe im Freundeskreis
meiner Frau selbst gesehen, was diese Droge aus
den Süchtigen macht, es lässt den Körper rapide
altern und zerstört die Organe von innen; der
geistige Zerfall ist gravierend; es macht
Zombies aus den Menschen!
Eine weiße unscheinbare und kristalline
Substanz, die über viele Stunden und sogar Tagen
Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin freisetzt.
Dieses Teufelszeug erzeugt genau die Symptome
als Nebenwirkung, an denen ich selbst schon seit
Monaten litt! Zittern, Unruhe, Schlafstörungen,
erweiterte Pupillen, eingeschränktes
Kurzzeitgedächtnis, optische und akustische
Halluzinationen, Aggressionen und
Herzrhythmusstörungen!
Nicht zu vergessen: Gereiztheit, Trägheit und
Paranoia.
Warum ich urplötzlich Drogenexperte bin? Das ist
nicht schwer zu erraten.
Richtig!
Ich tauschte mit der Hässlichen gemeinsam
Körperflüssigkeiten aus und es wäre doch
möglich, dass Spuren dieser giftigen Substanzen
auf mich übergegangen sind! Deshalb geht es mir
ja auch gesundheitlich so schlecht! Noch in
derselben Nacht, nach meiner ersten Begegnung
mit ihr in Bangkok, googelte ich in meinem
Hotelzimmer nach entsprechenden Hinweisen.
Willkommen bei der paranoiden Wahnvorstellung
Episode Nummer drei oder vier; ich weiß es schon
nicht mehr.
Nach nur einer Pille und etlichen Gläsern
Alkohol an diesem Abend fiel sie rückwärts auf
das Bett und blieb dort liegen. Zum Abschied
habe ich sie noch sanft genommen und
anschließend auf dem Bett liegen lassen – wollte
sie nicht stören.
Wie kann ein Mensch sich so etwas antun!
Überall verstreut lagen diese giftigen Pillen
und kristallines Pulver (Crystal) in Tütchen
verpackt herum. Sie schniefte auch Angel Dust.
Mit nervösen Wischbewegungen über meine Kleidung
versuchte ich den Anflug einer Paranoia
zumindest vorübergehend abzuwenden und schrie
hysterisch laut auf: »igitt, haut ab!«, durch
meine hektischen, flatterigen Bewegungen wurden
immer mehr Staubpartikel und Pulver
aufgewirbelt. Ich zog das T-Shirt bis über meine
Nase und sammelte schnell meine beiden benutzten
Kondome ein, knotete sie zusammen und schrieb
das Datum drauf. Mit spitzen Fingern und den
Kondomen in der Hand, hielt ich mein T-Shirt
links und rechts der Oberarme fest und flatterte
damit hektisch herum, so wie eine Fledermaus.
Eigenartig.
Ich schaute sie beiläufig an und konnte dennoch
kein Mitleid empfinden, wo sind nur meine
Gefühle geblieben. Ich schloss die Tür und ging
mit einem Gefühl, als würde ich einen Tatort
verlassen.
Letzten
Monat steckte ich in der wohl heftigsten Krise,
seitdem ich in diesem Land war. Nichts konnte
meinen abtransportiert zu einem Mönch
verhindern. Die Nachbarn in unserer Strasse
konnten meine schwankenden Gemütszustände nicht
adäquat einschätzen und meine Frau war hilflos.
Ich sah meine Frau nie so hilflos, wie an jenem
Tag. Der Mönch sollte mir den Teufel oder
ähnlich Schlimmes heraus treiben. So wurde mein
Körper heftig mit Weihrauchkerzen geräuchert;
mir brannten die Augen. Diese Räucherzeremonien
werden auch von Mexikanischen Tolteken
zelebriert, die Krieger werden über Stunden über
offenem Feuer symbolisch gegrillt, um deren
Geilheit aus den Körpern zu treiben. Ich hoffe
bei mir wird nicht gleiches statuiert.
Anschließend wurden bei mir diverse
Körperstellen mit geweihtem Wasser bespuckt und
eine Stunde für mich gebetet. Der Mönch muss
sehr Unheilsames in meiner Aura entdeckt haben,
schließlich sollte ich mich vor seinen Stuhl auf
den Fußboden setzen. Er drückte mir die
geballten Fäuste auf die Schultern, bis ich
unter Schmerzen zusammenbrach. Seine Arme waren
sehr kräftig und von oben bis unten mit
Schlangen tätowiert. Warum bin ich nur nicht
stutzig geworden?
Tätowierte Mönche sind zu ächten!
Er kratze mich vom Boden auf und rammte wieder
seine Fäuste auf meiner Wirbelsäule entlang und
drückte unangenehm und schmerzhaft in meine
Nierengegend.
Langsam war der Punkt gekommen, an dem ich mich
querschnittsgelähmt in einem Bambus-Rollstuhl im
Isaan herum dümpeln sah. Nur noch mittels
Sprachcomputer mit der Außenwelt kommunizierend.
Mir kommt Stephen Hawkings in den Sinn.
Den Teufel konnte der resignierte Mönch offenbar
nicht aus mir heraus treiben, noch am selben
Abend wurde mein angeschlagener Leib mit
erloschener Lebensflamme in eine Notaufnahme
gekachelt. Der postierte Pförtner, den Eingang
des Krankenhauses fest in seiner Verwaltung,
öffnete die Autotür der Beifahrerseite und holte
unverzüglich einen neben den Türen reservierten
Rollstuhl herbei. Was seine bestürzten Augen
sahen machte den gestandenen Türwärter sichtlich
betroffen.
Meine behaarten Arme mit verkrampften Fingern –
Primaten ähnlicher Haltung – hingen wie bei
beginnenden Muskelkrampf seitlich schlaff herab.
Augen und Mund weit aufgerissen, starrten tief
in ein unergründliches Nirwana hinein. In genau
dieser desolaten Körperhaltung wurde ich aus dem
Auto gepult und durch die Einganghalle des
Hospitals geschoben.
Wieder scharrte sich unfähiges Personal um mich,
gaben sich als Chefärzte aus und behandelten
somatische Störungen, die mangels einer
vernünftigen Ausbildung als Stressbedingter
Nervenzusammenbruch diagnostiziert wurden.
Nach einer Stunde stand ich am Ausgabeschalter
und erwartete meine braune Papiertüte mit den
Medikamenten, saß wie ein Junkie auf
Metadonentzug brav auf der Bank, kontrollierte
jeden Handgriff der Bediensteten, die meine Tüte
sorgsam mit abgezählten Tabletten bestückte. Mit
wehleidigem Blick auf meine noch halbleere Tüte,
einem Blick auf das Tablettenregal und mit einem
weiteren Blick auf die nette Dame, versuchte ich
sie zu einer weiteren Packung Beruhigungsmittel
zu bewegen. Ich wiederholte diese Blickfolge
ständig, bis dem schwarzen Engel im weißen
Kittel der Kamm schwoll und sie widerwillig eine
extra Packung Lorazepam einpackte.
Ich umklammerte das braune Tütchen wie ein
Säufer seine Flasche oder wie ein Säugling die
Brust der Mutter und ergötzte mich meiner
kreativen Gedanken; versank etwas lauter in
einem verzweifelten Selbstgespräch; hob die Arme
zum Halleluja und erblickte mich selbst als
verzerrte unansehnliche Gestalt in der
glänzenden Fahrstuhltür. Wie ich mich da so sah,
mit meiner Medikamententüte im Arm, rief ich mir
kopfschüttelnd selbst zu: Wie ein Bauer seinen
Reissack! Mir fielen unter bescheuerten Gekicher
noch unzählig weitere Vergleiche ein. Wie ein
Priester das Kruzifix, wie eine Frau ihr
hübsches Höschen…
Ich lachte laut auf!
Sehr seltsam, dabei hatte ich doch überhaupt
keine Pille geschluckt? Ich gab dem Türvorsteher
hundert Baht Trinkgeld und bedankte mich bei
ihm, für die zuvorkommende Behandlung.
Er war die ungekrönte Kompetenz an diesem Abend.
Ausschlaggebend für diesen erneuten Rückfall war
ein weißes Haar, ich entdeckte es voller
Entsetzen morgens im Spiegel bei mir an den
Schläfen. Ein klares Indiz dafür, dass meine
Generation als nächstes vom Sensemann abgeholt
wird. Im morgendlichen Spiegel musste ich
entsetzt mit ansehen, wie sich die Haut über
meinem Gesicht nach hinten zog und mich wie
einen Totenkopf erscheinen ließ.
Mir wurde mein eigener Tod offenbart!
Anschließend ging es mit meinem Wohlbefinden
steil bergab und ich wurde schließlich erst zu
einem Mönch und danach in die Notaufnahme
abtransportiert. Ich hatte die Präsenz des Todes
nie so intensiv erlebt, wie in dieser Situation.
Ich spürte seine erbarmungslose Gegenwart in
jedem Raum; spürte, wie seine treuen Diener aus
dem Ätherbereich heraus mit einem Schwenker
meinen geschwächten Kokon aufschlugen; genau
über meinem Solarplexus spürte ich das
peinigende Gefühl dieses flüchtigen Pochens! Mit
einer Picke hackte sich der Tod durch meine
Substanz und schlug unaufhörlich auf meinen
geschwächten Leib ein.
Nie war er mir so nahe gekommen.
Dieser symbolisierte Tod wanderte seit Jahren in
vielen Gewändern durch meinen Körper und
somatisierte sich anfangs in jungen Jahren mit
Herz- Kreislaufbeschwerden, krabbelte die
Wirbelsäule hinauf und strafte mich mit
Hexenschuss und Rückenbeschwerden und
Nackenverspannungen; schließlich mit
chronifizierten Halsschmerzen und grippalen
Infekten.
Zum Schluss verbarg er seine gesamte düstere
Gestalt in meinem Herzen. Ein Hüter, der
offenkundig von mir engagiert wurde, um meine
Sorgen um die körperliche Integrität aufrecht zu
erhalten. Es dämmerte mir langsam, er war nur
der Wächter meiner eigentlichen Urangst. Ich
brauchte ihn, er wurde mein Verbündeter, um die
noch viel schlimmere Befürchtung zu ertragen,
etwas Unaussprechliches…
Ich möchte es mal so umschreiben: Es ist mir
nicht möglich in Würde älter zu werden, der
Alterungsprozess des Körpers ist eine
Beleidigung für meine Sinne. Seit Jahren schon
versuche ich diesen Prozess mit einem keltischen
Brauchtum aufzuhalten, in dem ich meinen Körper
mit einem Gemisch aus Blut und Sperma einreibe!
Die Beschaffung des eigenen Blutes war stets
problematisch, bei meinen panischen Ängsten vor
Spritzen, spitzen Gegenständen und Verletzungen!
Wie auch immer. So kann es in Thailand nicht
weitergehen.
Es plagten mich zudem schwere Gewissenkonflikte,
weil ich meine Kinder aus ihrem Leben in
Deutschland gerissen hatte; die beiden Jungs
sind in der thailändischen Umgebung und in der
Schule sehr unglücklich. Sie hatten mehrfach
geweint und wollten zurück in ihre vertraute
Heimat.
Die
Gegensätze in Bangkok sind ziemlich krass, toben
in einer Straße das moderne Treiben und der
wilde Markthandel auf Hochtouren, so kann die
nächste Gasse in eine heruntergekommene
Geistergegend führen. Von einer prachtvollen mit
Palmen bewachsenen Hauptverkehrsader bog ich in
die Soi xy ein und gelangte nach Rattanakosin.
Dort zwischen dem Chao Praya River und Sukhumvit
liegt das eng bebaute ursprüngliche Bangkok. In
Yaowarat Chinatown holte ich mir noch etwas
gegen meinen hohen Blutdruck (Gao Xueya). Doch
offensichtlich gab es ein verbales
Missverständnis mit dem chinesischen Drogisten,
er nickte verständnisvoll und gab mir eine
Packung Caverta, ein indisches Potenzmittel.
Es roch dort im Geschäft betörend und biss sich
in meiner Nase. Berauschende Düfte aus
exotischen Parfümen, Ophium-Lampen und
Weihrauch. Vor dem Geschäft gesellte sich würzig
riechende Ziegen- oder Elefantenpisse dazu.
Bevor ich heute zu meiner Verabredung gehe,
schaue ich eingehend in den Spiegel. Was ich
sehe ist nicht wirklich beruhigend. Sah ich
anfangs in Thailand liebevoll wie eine
Schleier-Eule aus, grinst mich nun das
abgewrackte Gesicht eines vermeintlichen
Drogenkonsumenten entgegen. Mit schwarzen
Augenringen und tiefen Falten. Ich bin müde
geworden...
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich
meinen, in eine böse manische Phase gerutscht zu
sein. Die anfängliche Ideenflucht, bei der es
mir unmöglich war die konstruktiven
Gedankengänge länger zu verfolgen. Die
verkürzten Schlafphasen, diese unkontrollierbare
sexuelle Erregung.
Meine gestörte Selbsteinschätzung und meine
übertriebene optimistische Grundstimmung sind
wirklich unangemessen. Ich habe meine Familie
mit meinem rücksichtslosen und in Bezug auf die
Umstände hier in Thailand unpassenden Verhalten
in Gefahr gebracht.
Diese Halluzinationen, diese Stimmen die zu mir
sprechen, die Erregung und die ausgeprägten
körperlichen Aktivitäten sind so extrem, dass
ich für ein normales Gespräch mit meiner Frau
mittlerweile unzugänglich wurde.
Dieser lichte Moment – in dem ich für Hilfe
zugänglich war – verblasste und wurde
augenblicklich wieder von einem Sog der
Hoffnungslosigkeit verweht. Ich gab diesem
grellen Neonlicht im Hotelzimmer die Schuld.
Dieses Licht sandte unaufhörlich gepulste
Strahlen aus, die meine Wahrnehmung
beeinträchtigten! Es attackierte mich, störte
meine Konzentration! Ich lief hinaus!
Der laue Spätnachmittag – mit immerhin noch 29
Grad – vollendete sich durch leise raschelnde
Sträucher und länglichen Schatten der Palmen auf
dem Betonasphalt der Uferpromenade. Mein Blick
schweifte über den Chao Praya River. Ich trinke
ein Bier und grüble weiter. Vielleicht habe ich
Alzheimer entwickelt, verdammt, in meinem Kopf
ist nur pürierter Brei, ich kann keinen klaren
Gedanken fassen. Ich schlage mit zwei Fäusten
auf meinem Kopf und habe Schmerzen; verziehe
mein Gesicht, wie eine gequälte Gestalt!
Ich habe so unendlich viele Baustellen in mir
selbst entwickelt, ich kann nicht mehr auf
Besserung hoffen.
An einem Eisengeländer gelehnt wartete eine
junge Mutter, die ich flüchtig im Chat kennen
lernte und die kein Problem damit hatte, sie nur
zum bumsen in Bangkok zu besuchen. Um sie nicht
zu vergrätzen, schickte ich ihr vorsichtshalber
ein Goldkettchen in einem Briefumschlag vorbei.
Es hatte kein vierundzwanzig Karat, so wie in
Thailand übliches Gold, sondern es war billiges
Judengold aus Deutschland. Es ähnelte einem
Blechkettchen aus einem Kaugummiautomaten.
Ein kleines Mädchen ging auf der Promenade der
wartenden Mutter entgegen. Sie watschelte
unsicher mit einer kleinen Tüte salziger
Gewürzmischung und einem Stück länglich
geschnittener Ananas in der Hand zwischen den
parkenden Motorrädern herum. Ich nahm das Kind
auf meine Schultern, damit es besser über das
Geländer blicken konnte. Das Mädchen trug kein
Höschen unter dem Kleid, ihre klatschnasse
Muschel rieb sich an meinem Nacken.
Es war nicht geplant ihre Tochter dabei zu
haben, doch es fand sich kein Babysitter. Der
Schweizer Vater, ein Zahnarzt in mittleren
Jahren, hatte sich nach der Geburt der
gemeinsamen Tochter aus dem Staub gemacht.
Seitdem musste die junge Mutter die gesamte
Familie allein versorgen.
Da ich pleite war, gab ich ihr alles was ich
noch in meiner Hosentasche fand. Als Berliner
Junge hatte ich immer Strippe, einen Stein und
Büroklammern dabei und 6.000 gebügelt glatte
Baht. Wahrscheinlich mehr als sie mit arbeiten
in einem Monat in ihrem stickigen Bügelshop
verdienen wird. Sie konnte es nicht fassen und
verbeugte sich mit einem Weih. Sie trug ein
winziges Goldkettchen um ihren Hals, es lag
blass und matt auf ihrer braunen Haut. Welcher
Filz hat diesem hübschen Mädchen nur diese
billige Attrappe geschenkt?
Sie zerrte mich an meinem T-Shirt fort. Die
leere LEO-Flasche flog im hohen Bogen in die
braune Gischt des Chao Praya River. Der Fluss
ist so tot, selbst kleinste Wasserspritzer
führen zwangsläufig zu schwersten Verätzungen.
Das Kind blieb auf meinen Schultern.
Bedingt durch die Zahnspange im Mund lispelte
die Mutter etwas – schon bei der verlispelten
Begrüßung ›Sawasdii kah‹ bekam ich eine solide
Erektion.
In einem kleinen Raum der Wohnung waren dünne
Bastmatratzen ausgelegt, die als
Schlafgelegenheit dienten. Die Armut der kleinen
Familie war unübersehbar. Ich hatte ihren Namen
schon wieder vergessen. Supanida-Ramaporn oder
so ähnlich, der Name lag mir nicht wirklich und
daher nannte ich sie nur Porn.
Porn legte sich auf die Matratze, zog ihr
Kleidchen herab und zog mich zu sich. Mein
Gehirn war wie blockiert, ich konnte nicht
registrieren ob jemand uns auflauerte oder
beobachtete. Ob ein Schlag in mein Genick mich
nieder streckt... Alles was ich besaß hatte sie
ja bereits, mein Geld, die Strippe, den Stein,
die Büroklammer und das vergoldete
Zinnamalgamkettchen.
Auch war bei ihr unmöglich an
Geschlechtskrankheiten zu denken. So ein Mädchen
hat nichts Ansteckendes…
Dann erblickte ich ein Wunder!
Sie war unten herum rasiert! Kein bei
thailändischen Mädels üblicher Urwald, in dem
unheilsames Gezücht nisten könnte! Es
entfleuchte mir innerlich ein freudiges Juhe!
Ich bekam vor lauter unterdrückter Glücksgefühle
Stiche in meinem Herzen und schluckte schnell
eine Beruhigungstablette.
Sie riss ihr rasiertes Drachenmaul auf, das
zwischen ihren zierlichen Schenkeln lag, die wie
eine Schere auseinander klafften, dessen
Scherkraft mich mühelos zerdrücken könnte. Mein
Aal züngelte wie eine wilde Schlange vor ihrer
heißen Grotte, wir mussten „ihn“ mit vier Händen
bändigen und in sie hineinstopfen. Er wurde
gierig verschlungen – schlupp, weg war er und in
mir entbrannte der Rausch der Begierde auf diese
thailändische Mutter. Porn lutschte an meinen
Fingern, neben ihr lag der zerfranste Teddy
ihrer Tochter. Sie stöhnte bei jedem Stoß »uff,
uff!« Ihr zierlicher Körper brachte keine 40 kg
auf die Waage und zitterte unter meinen Stößen.
Ich musste behutsam sein – wollte schließlich
nichts bei ihr kaputt machen. Sie roch so
betörend nach Fisch, Pipi und Schweiß, ich
wollte sie auffressen.
Ihre Brüste lagen wie Handgranaten in meinen
Händen und schnellten immer wieder in ihre
stramme Ausgangsposition zurück. Sie schlang
ihre Beine um meinen Rücken und presste mich
derart an sich, dass mir fast die Luft wegblieb.
Sie wollte noch von hinten gebumst werden, na,
nicht ganz freiwillig. Selten konnte ein Mädchen
ihren Rücken mehr durchbiegen. Porn vollendete
diese Stellung zur meisterhaften Präzision. Nach
wenigen Stößen befüllte ich sie mit allem was
mein Schlappsack in der Hitze ihrer Wohnung noch
hergab und ich fiel erschöpft auf sie. Mein
ganzer Körper zitterte unkontrolliert und in
meiner rechten Hand hatte sich ein Tremor
entwickelt.
Es gab keine Klimaanlage, nur einen Ventilator,
der 32 Grad schwülwarme Luft in Bewegung hielt.
Ich bekam Atemnot.
Es war
geplant von Porn aus weiter zu ziehen um in
meinem Hotelzimmer einige Erlebnisse in den
Laptop zu schreiben. Man könnte den Eindruck
gewinnen, dass ich mich in Bangkok zum Spaß
herumtreibe, weit gefehlt, für morgen habe ich
einen Termin bei der Deutschen Botschaft
vereinbart. Unser Haus in Deutschland wurde
verkauft und meine Unterschrift sollte in der
Botschaft beglaubigt werden.
Ich hätte dieses sensible Thema nicht erwähnen
dürfen, seitdem ich über den Verkauf unseres
Hauses bescheid wusste, ging es mit mir
gesundheitlich steil bergab.
Ich werde mit dem Verkauf des Hauses nicht nur
ein wichtiges Symbol verlieren, sondern auch
meinen Rückzug aufgeben. Die Grundlage unseres
gemeinsamen Lebens wird mir entzogen und ich
werde für immer und ewig allein hier verbleiben
und irgendwann in den tropischen Wäldern
verstört herumirren und ableben; die Augen
schließen; das Zeitliche segnen; zu Staub
werden; ins Gras beißen; abberufen werden; aus
dem Leben scheiden; in die Grube fahren!
Doch im hier und jetzt kommt plötzlich der
Pragmatiker in mir durch. Eigentlich hatte ich
Porn ja bereits bezahlt und wenn ich die 0,90
Eurocent für das Goldkettchen dazu addiere,
sollte eine Übernachtung mit Frühstück drin
sein. Doch daraus wurde nichts. Sie teilt sich
das Haus zusammen mit dem Bruder und der Mutter,
die beide jeden Augenblick von einer Feier
zurück kommen werden.
Mitleid kam in mir hoch. Mit einem dicken Kloß
im Hals schaue ich Porn an, dieses zerbrechliche
Wesen, mehr Mädchen als Frau. Was diese schmalen
Schultern für eine Last zu tragen haben, mehr
als ich im Leben je ertragen werde. Fast wollte
ich mich selbst bedauern.
Das exzessive Leben der letzten Wochen forderte
seinen Tribut. Aus dem Nichts überkommt mich
tiefe Niedergeschlagenheit. Ich fühle mich leer
und ausgebrannt. Üble Gedanken peinigen mich.
Was mache ich hier eigentlich?
Welches Ziel verfolge ich überhaupt noch?
Versuche ich durch meine Rastlosigkeit und meine
Triebhaftigkeit nur krampfhaft, die Leere in
meinem Dasein zu überspielen?
Um die knappe Zeit die uns verblieb sinnvoll zu
nutzen, wurde es Zeit eine der 100 mg. Caverta
einzuschmeißen um den Indischen
Viagra-Verschnitt zu testen. Doll kann das
homöopathische Zeug nicht sein; die solide
Erektion schwächelte.
Ich schluckte vorsichtshalber gleich zwei
Caverta und würgte! Was für Bucker! Ich hatte
einen Riesenständer – gefühlte drei Meter lang,
und fühlte mich potent wie ein Stier, bis auf
das komische weiße Flimmern vor den Augen. Oje –
eine Überdosis. Ich bumste sie ohne Pause. Meine
multiplen Orgasmen waren kurz und schmerzhaft
und ohne einen einzigen Tropfen Samen zu
verlieren! Seltsam. Ob das Nebenwirkungen des
Indischen Potenzmittels waren?
Zum Abschied wollte ich Porn auf der Strasse
einige nette Worte sagen, nicht, dass es mir
etwas bedeuten würde, aber aus meinem Mund
quälten sich bedeutungslose Wortfetzen. You… you…
we…
Ich hatte Wortfindungsstörungen – sabberte und
seiberte Bockmist zusammen. Leicht irritierte
und beschämt wandte sich Porn von mir ab und
ging. Noch immer war ich dabei meinen Mund nach
allen Seiten zu verziehen, spitz, rund, ziehend,
blasend… Hoffentlich ist nichts kaputt gegangen,
zzzzz….
Ich beuge mich an einem Geländer und keuche
stakkatoartig, als würde ich einen klobigen
Skarabäus herauswürgen. Ob mein Sprachzentrum
beschädigt wurde?
Endlich quälte sich ein gefühlskaltes thank you
heraus. Es war mir nicht möglich nette Worte
auszusprechen. Die Wahrnehmung der eigenen und
fremden Grenzen zu spüren und einzuhalten, fiel
mir immer schwerer. Ein sich aufdrängendes
Allmachtsgefühl nahm von mir Besitz.
Porn war zurück in die Wohnung gegangen.
Ich wollte ihr noch zuwinken doch meine rechte
Hand zittere so unkontrolliert, dass mir angst
und bange wurde.
Kapitel VII
»Phantomtod«
Als
müsste ich mir hier in Bangkok Rechenschaft
ablegen, rekapitulierte ich die letzten Monate,
als stünde ich vor dem jüngsten Gericht.
Warum verhalte ich mich so?
Warum verleugne ich meine Familie und warum
diese wahnwitzige Angst endlich stehen zu
bleiben – zur Ruhe zu kommen?
Über vierzig Jahre lang habe ich penibel auf
meine körperliche Gesundheit geachtet, bis
heute! Jede chemische Substanz ist mir recht,
die mir hilft runter zu kommen!
Was will mir meine Seele sagen?
Mir ist, als würde ich trinken und doch
verdursten, essen und doch verhungern. Diese
zwanghaften Ausschweifungen schubsen mich immer
tiefer in die Einsamkeit. Ich schlafe schon seit
mehreren Wochen täglich nur eine oder zwei
Stunden. Ich bin am Ende!
Alkohol, Tabletten, diesen ganzen Unrat den ich
in mich hinein stopfe, das bin nicht ich! Früher
hätte ich nie und nimmer Viagra eingenommen,
denn meine phänomenale Urangst vor einem
Herzinfarkt hätte diesen Ausrutscher nie
geduldet!
Mein Verstand wird immer klarer, doch meine
Seele schreit: Ich darf nicht einschlafen, nicht
zur Ruhe kommen! Was passiert, wenn ich nicht
mehr aufwache, was wird aus meiner Familie?
Werde ich sie je wieder sehen?
Wenn ich lese oder schreibe, verlieren die
Wörter ihren Sinn und treiben haltlos davon!
Hatte ich Schaum vor dem Mund? Mich mit Tollwut
infiziert? Ich rannte im Hotelzimmer
unverzüglich ins Bad um in den Spiegel zu
schauen. Nein, es war kein Schaum. Aber meine
Augen, blutunterlaufen liegen sie tief in ihren
Höhlen. Wenn ich an einer seltenen Krankheit
leide? Mit einem Virus infiziert wurde, der mich
in etwas Unheimliches verwandelt?
Meinen Stuhlgang kontrollierte ich regelmäßig
und notierte Farbe, physikalische Konsistenz und
verzeichnete genauen Daten über meinen
Metabolismus. Heute war die Farbe des Stuhls
schwarz, ich erschrak und werde dem Arzt gleich
morgen früh eine Probe bringen müssen, ihm
mitteilen was ich sah. Doch alles erscheint
wieder so sinnlos.
Was! Was? Was formte sich in mir! Welcher Dämon
hatte sich in meine Substanz gefressen und
zerstörte mich von innen? Stülpte mein Innerstes
nach außen und machte mich verletzbar, dass
selbst der Wind auf meiner Haut schmerzte und
jeder Schatten und jede Gestalt mir Angst
einjagt! Welche gewaltige Kraft hatte solche
Macht über mich gewonnen, dass ich mich
abschirmen musste von dem was mir lieb ist?
Mein Herz schlug wie toll, vor meinen Augen
flimmerte es, ich hatte Sehstörungen und lag
jede Nacht bis spät wach, schreckte mehrfach
schweißgebadet hoch, wenn mich wieder diese
gewaltige visionäre Botschaft überwältigt, die
mich warnt: Wer schläft, der stirbt!
Meine Seele trennte sich von meinem Körper ab
und schlüpfte in ein „ätherisches Doppel“, ein
Energiefeld, das meinen Körper künstlich am
Leben erhält. Ich sah bei vollem Bewusstsein,
wie mein Körper unter mir zerstört wurde. Wie
Feuerbälle auf ihn geschleudert wurden, er in
Stücke gehackt wurde.
Jetzt werde ich verrückt!
Ich fühlte einen elektrischen Strom, der langsam
meine Wirbelsäule emporkroch und in mein
Reptilhirn einschlug und meinen Körper
unkontrolliert zucken ließ. Im nächsten Moment
stand alles um mich herum still, ich vergaß zu
atmen und rang nach Luft. Dieses ewige Ziehen
und Stechen in meiner Brust. Wie lange würde ich
das aushalten? Wie lange würde ich diese
Vibrationen meines Körpers ertragen, die ein
undefinierbarer Druck in mir verursachte?
Dieses finale Elend begann an jenem Tage, als
ich durch den Verkauf unseres Hauses symbolisch
meinen gesamten Halt verloren hatte und als
Konsequenz mit meiner Frau im abgeschiedenen
Isaan verbleiben sollte. Mit der Auswanderung
hatte ich mein gesellschaftliches Ansehen
verloren; meine Familie, einfach alles!
Gleichzeitig flüchtete ich zu meiner Geliebten
um mit ihr ein freudloses Doppelleben zu führen.
In meiner Heimat hatte ich meine Dämonen noch im
Griff, fütterte sie gelegentlich mit freudlosen
Eskapaden, was sich aber hier in Thailand vor
mir offenbarte war der blanke Horror!
Es gab kein Fundament, kein Halt in mir. Selbst
der kurzzeitig beruhigende Besuch in der
Notaufnahme hatte sein Mysterium verloren. Der
Wächter, den ich jahrelang engagierte, trat
einen Moment zur Seite und ließ mich gewähren.
Ich hatte über Nacht meinen Schutzschild
verloren, er ist einfach abgefallen! Ich meine
damit:
Ich war an einem bestimmten Punkt angelangt mir
die Wahrheit einzugestehen; vielleicht ist meine
tiefste Angst nicht, einem Herzanfall zu
erleiden, denn offenbar übe ich mit diesem
ritualisierten Verhalten nur den Ernstfall, um
meine Seele zu desensibilisieren.
Was ich wirklich fürchte, ruht viel tiefer! Es
ist der äußere Verlust den ich fürchte und der
mir nun in Thailand vor Augen geführt wurde.
Meine Partnerin, meine Mutter und mein
gesellschaftliches Ansehen zu verlieren. Diese
Verluste erinnern mich schmerzlich daran, dass
es in mir kein Fundament gibt, keine innere
seelische Struktur auf die ich vertrauen kann.
Diese äußeren Verluste hatten nun den wahren
Dämon entfesselt:
Meine tiefste Angst vor einer vollständigen
Auflösung meines Selbst, einer Vernichtung
meiner Identität, es ist die Angst nicht mehr da
zu sein. Ausgelöscht zu werden!
Zu sterben!
Dieser Tag war heute…!
Ich sprach zu mir mit sanfter tiefer und sonorer
Stimme; es wird alles gut, schlafe nur nicht
ein!, der Schlaf wird mich heimtückisch
aufsuchen und mir die mentale Stärke entreißen,
die mich noch am Leben erhält! Im Träumen werde
ich nicht mehr in der Lage sein, den Tod hinweg
zu beabsichtigen, die Todesschwadronen
aufzuhalten die unermüdlich bestrebt sind, mir
mein Leben zu entreißen.
Wer wird sich um meine Familie kümmern? Wie soll
es ohne mich weitergehen?
Auf dem
Weg von Bangkok in den Isaan zu meiner Familie,
überfiel mich eine unbeschreibliche Müdigkeit,
die letzten Wochen und Monate waren einfach zu
viel. Von Phahon Yotin aus bin ich die Route 1
östlich gefahren und wollte knapp außerhalb
Bangkoks in Wang Noi anhalten um in einem
kleinen Hotelzimmer zu übernachten. Dort saß ich
erschöpft auf dem Fußboden – hoch konzentriert
meine körperliche Integrität zu bewahren und
zwanghaft fixiert auf meine offenkundig
unrhythmische Atmung. Nachtfalter flatterten in
den Raum hinein und umkreisten mich. Die Wände
waren mit grünen Geckos übersät, die nun über
mich zu wachen schienen.
Meine Kleidung lag wild zerstreut auf dem
gemusterten braungrau gefliesten Fußboden herum,
der Klang des Reiseweckers drang an meine Ohren.
Er tickte leise, es war kurz vor neunzehn Uhr.
Orientalische Klänge aus einem Zimmer nebenan
trugen mich innerlich fort in eine
unsynchronisierte Welt der Gefühle. Diese
stress- und emotional bedinge Phase hier in
Thailand konnte durch nichts mehr kompensiert
werden und hinterließ tiefe Spuren in meinem
seelischen Empfinden.
Ich starrte an die Decke und hörte unentwegt
pfeifende und zischende Laute in den Ohren;
konnte es aber nicht eindeutig unterscheiden, ob
es sich um akustische Halluzinationen oder ein
Tinnitus Symptom handeln könnte.
Hervorstehenchen war ein Brummton, der exakt
alle zehn Sekunden kurz unterbrach und sich dann
unverändert fortsetzte. Meine Dekadenz war
unübertrefflich, noch immer hoffte ein
verschrobener Kern in mir unermüdlich daran,
etwas ganz Besonderes zu sein, ein auserwähltes
Sternenkind, dazu bestimmt, seinen Energielevel
zu einem für Menschen unerträglichen Level
anzuheben und zu ertragen!
Der gesamte Raum war mittlerweile von
Nachtfaltern erfüllt, es waren Hunderte, sie
saßen auf meinen Schultern, auf dem Computer,
auf dem Teller, ich wurde eins mit ihrer
mystischen Kraft und sie wurden ein Teil von
mir. Ich verschmolz mit ihnen und wurde von der
lauen Nacht in ihre Dimension gerückt. Es war
gleichgütig was mit mir passiert. Ich hatte
meinen inneren Frieden gefunden, eine unsagbare
Stille senkte sich auf mich nieder und hüllte
mich ein. Ein Zustand, den ich seit Jahren
ersehnt habe.
Ich machte mich bereit durch meinen eigenen Tod
zu gehen, meinen Phantomtod zu durchleben.
Wieder bekam ich diese Stiche in meinem Herzen,
diesmal waren sie wesentlich länger und
intensiver als sonst; ich stützte mich an einer
kleinen Kommode ab und dachte an das Ende, so
empfand also ein Mensch, der im Begriff war zu
sterben. Ich drückte eine Hand auf mein Herz und
presste es ganz fest zusammen, wollte es
isolieren von meinen anderen Organen und sprach
mir selbst leise zu: »Warum tyrannisierst du
mich! Ich brauche dich doch! Bitte, lass mich
nicht sterben!«, ich hämmerte verkrampft mit
einer Faust auf meinen Brustkorb und glotze
apathisch in die Ecke. Ich wurde Zeuge einer
sehr paradoxen Phase, in der sich meine
gedankliche Welt in die Realität einkoppelte und
wie durch Brüche in die Welt eindrang.
Kurze Sequenzen sausten gedanklich vorüber;
meine Schwester lag regungslos im Bett wie
aufgebahrt, unser Opa stand neben ihr und
schaute sie an; er sah mit zunehmendem Alter
selbst aus wie eine gequälte Gestalt.
Dann plötzlich ein Szenenwechsel, es ragte eine
riesige Hand aus der Finsternis und griff nach
mir; Nani überreichte mir ihr Baby als Symbol
des Abschieds.
Ein schmerzhafter Prozess beginnt, denn die
Starrheit meines individuellen Bewusstseins
kommt in die unmittelbare Zerrphase zweier
Welten. Wird mir mein Lebensfilm vor Augen
geführt?
Die Musik aus dem benachbarten Zimmer klang wie
ein Requiem aus einer anderen Welt. Voller
Erinnerungen aber unerreichbar. Ich möchte in
das Geschehen eingreifen, die gestartete
DNS-Sequenz – die den tödlichen Prozess auslösen
wird – beenden, aber ich kann es nicht mehr.
Alice erscheint gedanklich vor mir, ich
erinnerte mich, damals mit einer Flasche Wein in
der Hand in ihrer Küche zu tanzen und im Takt
der Musik mit den Fingern zu schnippen. Es wurde
mir bewusst eine Analogie zu erhalten, um zu
verstehen nun zu meiner eigenen Totenmesse zu
tanzen.
Meine Lebendigkeit ist von den Toten nicht mehr
zu unterscheiden, die Stunde Null bricht herein.
Die Erde mischt sich mit dem Himmel; ich blicke
weit in das Zeit-Raumgefüge hinein. Meine
niedere Astralwelt fällt auf mich, ich sehe mich
als graues Gespenst lautlos durch verwahrloste
Grundstücke wandern. Die Verstorbenen steigen
aus den Särgen und begleiten mich eine Zeit lang
wie verwaiste Schatten, sie stöhnen und seufzen,
und verlassen mich anschließend in einem
gigantischen Sog.
Ein imaginärer Nebel senkt sich über mich und
breitet sich im Zimmer aus. Der Nebel hüllt mich
ein. Ein merkwürdiges Gefühl strömt durch meinen
Körper. Es ist ein ungewöhnliches Gefühl. Der
Nebel wandelt sich langsam in orange, in gelb.
Die gelbe Tönung geht in grün über, dann blau,
dann purpur, dann violett, dann ultraviolett.
Schließlich explodiert ein Blitz aus reinem
weißem Licht in meinem Bewusstsein. Es scheint,
dass ich nun selbst dieses Licht bin…
Ein Blitz der Erkenntnis durchzog mein Wesen!
Mein ganzer Körper zittert unkontrolliert; unter
festen Druck presste ich mit zwei Fäusten auf
meinen Herzmuskel ein.
Ich wusste nicht wie lange ich im Schneidersitz
auf dem Boden saß oder ob ich in dieser Zeit
geatmet habe – mein Herz geschlagen hat. Mein
Körper war übersät von Faltern, schwarz
gestreifte, braune, rote und weiße Nachtfalter.
Bin ich nun tot?
Habe ich den Übergang zwischen Leben und Sterben
verpasst – wird der schwarze Kapuzenmann kommen
um mir seine knochige Hand zu reichen? Wird er
mich zu sich locken? Wenn er nun in der Gestalt
meiner Liebsten erscheint und ich ihm
bereitwillig in die Arme laufe? Wenn er mich
austrickst, hereinlegt, mit seinen miesen Tricks
von dieser Erde holt?
Aus den verschwommenen Trümmern meiner Gedanken
lief mir auf einer Wiese voller Blumen meine
Tochter entgegen, ich wandelte ihr gemächlich
entgegen und streckte meine Arme vor um sie zu
empfangen, wir lachten zusammen und ich küsste
sie am ganzen Körper.
Ich war so glücklich!
Eine innere Stimme sprach zu meiner Tochter und
ermahnte sie: Die Menschen werden behaupten ich
sei gestorben, doch das ist nicht wahr, glaube
ihnen nicht.
Ich weiß es jetzt!
Ich kann nicht sterben, ich kann mich nur
wandeln in eine andere Form um bei dir zu sein
und um dich zu beschützen. Eine Metamorphose die
nie enden wird. Ich werde ein Nachtfalter sein,
der sanft auf deiner Schulter landet. Ich werde
immer bei dir sein, wenn du mich brauchst. Werde
dich aus den Augen deines liebsten Teddys
beobachten, ich werde dich trösten und werde
wachen über deinen Schlaf und dich nähren aus
einem goldenen Kelch.
Auf der Wiese hinter meiner Tochter stand ihre
Mutter. Noch einmal durfte ich meine Liebste
berühren, ihre zierlichen Hände glitten über
mich, mir war, als würde ein Feuersturm meine
Seele zerfressen. Berührungen wie göttliche
Liebe. Unsere gemeinsamen Gedanken fielen wie
Billionen Eissplitter vom Himmel herab. Worte
blieben unausgesprochen. Unsere beiden Körper
wurden von roten Feuerstürmen durchzuckt; wir
strömten zurück zum Ursprung der Zeit.
Wir waren die pure Vereinigung und die absolute
Verschmelzung zweier Seelen. Ich wurde wieder
das goldene Lichterkind. Der junge Knabe, der zu
seinem Herr und Vater wollte.
Ein tiefgründiges Lächeln durchzog mein Gesicht.
Jetzt spürte ich die Schmerzen nicht mehr.
Nichts Störendes weilt in diesem Raum, nichts
das unausgesprochen blieb und nichts, das mir
schaden könnte. Nichts, was in winzigen Worten
gefasst, einen Sinn ergeben würde. Meine
geliebte Tochter, wenn du diese Zeilen liest,
werde ich vielleicht nicht bei dir sein, doch
wir können nie getrennt werden, denn wir sind
eins geworden. Mit dem Licht, der Luft, dem
Feuer und dem Meer; mit der Sonne und den
Sternen und dem Mond mit seinem fahlen Schein,
mit den Bergen und den Winden und dem weichen
Moos in dem wir schlafen werden.
* * *
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